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Gesund altern - wie Prävention dem natürlichen Alterungsprozess von Knochen und Gefäßen entgegenwirken kann

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Dr. med. Helena Orfanos-Boeckel

27. März 2026
20 Minuten
Gesundes Altern bedeutet nicht nur, Beschwerden zu vermeiden, sondern auch frühzeitig biochemische Prozesse zu erkennen, die langfristig über die Stabilität von Knochen, Gefäßen und Organfunktionen entscheiden. Gerade Knochenschwund und arterielle Gefäßveränderungen entwickeln sich oft über Jahrzehnte unbemerkt, lange bevor klinische Symptome auftreten.
Dr. med. Helena Orfanos-Boeckel zeigt in diesem Interview aus internistisch-nephrologischer Perspektive, warum die präventive Stoffwechsel- und Labordiagnostik eine zentrale Rolle spielt, um altersbedingten Veränderungen frühzeitig entgegenzuwirken und die normalen Funktionen von Knochen und Gefäßen möglichst lange zu erhalten.

Ganzheitlich altern – was bedeutet das eigentlich?

1. Frau Dr. Orfanos-Boeckel, Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit Präventiv- und Stoffwechselmedizin. Was bedeutet es aus Ihrer Sicht, ganzheitlich gesund zu altern – insbesondere mit Blick auf die Erhaltung normaler Funktionen von Knochen und Gefäßen?

Dr. med. Orfanos-Boeckel: Bevor ich begonnen habe, mich mit Stoffwechsel und Präventivmedizin zu beschäftigen, war ich im Bereich der Inneren Medizin tätig, vor allen Dingen in der Nephrologie, also in der Behandlung chronisch nierenkranker Patienten. 

Da konnte ich tagtäglich beobachten, was passiert, wenn sich Menschen über 20, 30 oder auch 40 Jahre nicht gesund verhalten und sich niemand spezifisch um diese Menschen kümmert. Sehr schädlich für nierenkranke Patienten sind vor allen Dingen vaskuläre Risikofaktoren wie Rauchen, Übergewicht, Bluthochdruck, Zucker oder Fettstoffwechselstörungen – also alles, was die Gefäßstrukturen der Nieren schädigt, die ja sehr wichtig sind für die Filterfunktion dieses Organsystems. Wenn die Nieren ausfallen, hat das nicht nur Folgen für die Ausscheidung und die Entgiftung, auch andere Organsysteme wie der Knochenstoffwechsel und auch die Bildung der roten Blutkörperchen sind krankhaft betroffen. 

Besonders viel Freude hat mir damals die Arbeit in der Nieren-Transplantationsambulanz gemacht. Die Patienten, die wir da betreut haben, hatten mit dem neuen Organ eine neue Chance auf ein dialysefreies Leben bekommen. Durch eine engmaschige Nachsorge mit u. a. regelmäßigen Blutabnahmen gelang es uns, das Risiko für Komplikationen mit als Folge Transplantatverlust bei unseren Patienten signifikant zu senken. Wenn man dieses Wissen um Messen-Machen-Messen auf gesündere Menschen überträgt, kann man sehr gut dazu beitragen, die Funktion von Nieren, aber auch das Herz und Gehirn gegenüber altersgemäßen Organinsuffizienzen zu unterstützen.

Wenn wir gesund altern wollen, ist der Erhalt einer guten Funktion unseres Herz-Kreislauf-Systems statistisch gesehen einer der entscheidenden Faktoren für unsere internistische Gesundheit im Alter. Wichtig zu wissen ist, dass diese sogenannten „Herz-Kreislauf-Krankheiten“ nicht nur das Herz, sondern auch die Nieren und das Gehirn betreffen. Die vaskuläre Nephropathie mit Dialyse als Folge, wie auch die zerebrale Vasosklerose mit Schlaganfall und Demenz als Folge gehören im weitesten Sinne auch zu diesen Herz-Kreislauf-Krankheiten, welche im höheren Alter dann auch vermehrt zur Pflegebedürftigkeit beitragen. Wenn man nun die arteriellen Gefäße vor Gefäßverkalkung und deren Folgen schützen will, ist es zum einen wichtig, früh vaskuläre Risikofaktoren zu verhindern beziehungsweise zu behandeln und zum anderen ist es wichtig, den gesunden Knochenstoffwechsel im Hinblick auf eine Osteoporose zu unterstützen. Denn wenn der Knochen sich im Rahmen von Knochendichteverlust entkalkt, verkalken sich mit höherer Wahrscheinlichkeit die Gefäße, vor allen Dingen, wenn noch relevante erhöhte vaskuläre Risikofaktoren dazukommen. 

Side Fact: Altersbedingte Stoffwechselveränderungen beginnen lange vor Symptomen

Mit zunehmendem Alter verändern sich zentrale Stoffwechselprozesse systematisch – auch dann, wenn noch keine Beschwerden spürbar sind. Diese biologischen Alterungsprozesse betreffen unter anderem Zellregulation, Reparaturmechanismen und hormonelle Steuerungssysteme. In der Alternsforschung werden hierfür sogenannte „Hallmarks of Aging“ beschrieben – charakteristische Merkmale, die langfristig die Grundlage altersbedingter Erkrankungen wie Arteriosklerose, Osteoporose oder chronischer Entzündungsprozesse bilden können.

Quelle: Orfanos-Boeckel, H. (2023). Nährstoff- und Hormontherapie – Der Präventions-Leitfaden. TRIAS Verlag.

Ernährung als Basis der Prävention

2. Welche Ernährungsgewohnheiten unterstützen die normale Funktion von Knochen und arteriellen Blutgefäßen – und welche Nährstoffe spielen dabei eine besonders wichtige Rolle?

Dr. med. Orfanos-Boeckel: Ich bin keine Ernährungsmedizinerin, insofern möchte ich hier nicht ausführlich über gesunde Nahrung sprechen – also was das genau bedeutet und wie man das gestalten sollte. Außerdem zeigt meine Erfahrung, dass viele Frauen, obwohl sie sich sehr gesund ernährt haben – also definitiv nicht zuckerreich, kein Fast Food, keine Fertignahrung und nicht umweltbelastet, sondern gesund, ausgewogen, regional, bio und lebendig - trotzdem eklatante Nährstoffmängel im Blut aufzeigen und mit 47 Jahren in der Knochendichte auch trotz gesunder Ernährung schon eine Osteopenie haben.

Im Prinzip haben viele Menschen ein ähnliches Muster von Mangel an B-Vitaminen, Vitamin C und D, und auch an Mineralien, Spurenelementen und Omega 3. Wer aber nun was und in welcher Dosis braucht, um damit spezifisch ein bestimmtes Organsystem zu unterstützen, das kann man nicht pauschal sagen, da die medizinische Nährstofftherapie etwas sehr Individuelles ist. Wenn man mit Nährstoffen – ergänzend und über eine gesunde Ernährung hinaus – medizinisch wirksam arbeiten möchte, muss man im Labor erarbeiten mit welcher Nährstoffdosis der oder die Einzelne mit ihrem spezifischen Problem behandelt werden muss, um innen drin wirklich etwas zu bewirken.

Mein Ansatz ist es, jeden Menschen, der zu mir kommt, individuell zu untersuchen und individuell auszumessen, welche Nährstoffe konkret fehlen, wo es Schwachstellen gibt und wie man die mit Nährstoffen, Hormonen und ggf. auch Medikamenten beheben kann. Und natürlich spreche ich dabei auch über Ernährung, aber die meisten Frauen, die zu mir kommen, ernähren sich schon wirklich sehr bewusst und wenn man bei diesen gesundlebenden Frauen im Stoffwechsel funktionelle Schutzwirkung auf den Knochen haben möchte, muss man knochenrelevante Nährstoffe und auch Hormone über die Ernährung hinaus oder ergänzend zur Nahrung einsetzen.

Für den Knochenstoffwechsel spielen insbesondere Vitamin D und seine Co-Faktoren eine sehr wichtige Rolle. Das sind vor allen Dingen Calcium, Magnesium, Vitamin K2 und ein weiterer Nährstoff, der hier leider nicht genannt werden darf, weil es dafür keinen zugelassenen Health Claim gibt. Wer aber dann was und in welcher Dosis braucht, um innen drin sichere knochenaufbauende oder schützende Wirkung zu erzeugen, das muss man ausmessen, denn nur wenn man das individuell herausarbeitet, erwirkt man Gesundheitsveränderungen. Das geht nicht pauschal. Das wäre jetzt so, als würden Sie mich fragen: Welchen Sport muss ich machen, um irgendwie fit zu sein? Das ist doch alles individuell, es muss doch zu Ihnen als Person passen und es darf und soll ja auch Spaß machen! 

Also ich verfolge in Bezug auf Nährstoffe eine sehr individuelle Methode und das bedeutet eben auch, dass man zwar ganz allgemein über Nährstoffe reden kann, aber dass man individuell genau prüfen muss, wer was und wie viel benötigt, um dann innen drin einen ordentlichen, gesunden, funktionierenden Stoffwechsel zu erzeugen.

Jeder Laborwert hat seine spezifische Messung. Darüber habe ich in meinen Büchern geschrieben, wie jeder Nährstoff genau gemessen werden muss. Manche sind im Serum, manche sind im Vollblut, bei manchen muss zentrifugiert werden, bei anderen gekühlt. Die Thematik ist hochkomplex und die Prä-Analytik ist wahnsinnig aufwendig, das lässt sich nicht einfach mal eben so nachmachen. Es ist eine richtig anspruchsvolle, spezifische Nährstoff-Medizin.

„Wer aber nun was und in welcher Dosis braucht, um damit spezifisch ein bestimmtes Organsystem zu unterstützen, das kann man nicht pauschal sagen. […] Weil nur wenn man das individuell herausarbeitet, erwirkt man Gesundheitsveränderungen.“

Nährstoffe für Struktur und Elastizität

3. Welche Mikronährstoffe sind besonders relevant, um die normale Struktur und Elastizität von Knochen und Gefäßen zu erhalten – und worauf sollten Frauen in den Wechseljahren achten?

Dr. med. Orfanos-Boeckel: Da muss ich zuerst einmal sagen, dass ich es wichtig finde, von Nährstoffen zu sprechen, und nicht von “Mikronährstoffen”. Das finde ich wichtig, weil das Wort “Mikro” die Menschen irritiert und auch faktisch nicht passt. Mikro ist zu klein – denn die Mengen, die man nehmen muss, sind Mega. Das Wort Mikronährstoff passt damit überhaupt nicht zu Omega 3 oder Vitamin C, bei denen die erforderliche Tagesdosis auch mal mehrere tausend Milligramm pro Tag sein kann. 

Jetzt konkret zu Ihrer Frage: Ich nutze zur Überprüfung der Knochenmaterie die Knochendichtemessung und da kann ich Ihnen sagen: Neben Kraftsport, Bewegung und nicht Rauchen hilft es, wenn man sich gesund ernährt, also nährstoffreich und proteinreich und mit Lebensmitteln von guter Qualität. Ergänzend dazu ist es sehr nützlich, sich mit den wichtigsten Nährstoffen gut zu versorgen, die der Knochen für seinen normalen Stoffwechsel benötigt. Und das sind allen voran das Vitamin D und die Co-Faktoren Calcium, Magnesium, Vitamin K2 und ein weiterer Nährstoff, der hier leider nicht genannt werden darf, weil es dafür keinen zugelassenen Health Claim gibt. Aber auch Vitamin A, Vitamin C, B12, Zink, Mangan und bestimmte Aminosäuren werden gebraucht, um den Knochenstoffwechsel in guter Funktion zu halten. Auch sehr wichtig für einen gesunden Knochenstoffwechsel sind die Hormone, die den Knochenstoffwechsel beeinflussen, Hier sind neben Vitamin D auch die anderen Steroidhormone, wie Estradiol, Progesteron, DHEA und Testosteron zu nennen. 

Lebensstilfaktoren und Regeneration

4. Wie beeinflussen Faktoren wie Schlaf, Bewegung und Stressmanagement die Zellgesundheit und Energieproduktion – und welche Rolle spielt der Stoffwechsel dabei im Rahmen eines gesunden Alterungsprozesses?

Dr. med. Orfanos-Boeckel: Zu gesundem Verhalten habe ich in meinem ersten grünen Buch ein bisschen was geschrieben. Die Antwort auf diese Frage ist enorm und deswegen möchte ich mich hier nur auf den Gap fokussieren, welchen ich aus meiner internistisch-nephrologischen Expertise zu all dem, was die Experten für dieses Thema schon tausendfach beschrieben haben, ergänzen kann. 

Gesunde Nahrung, Schlaf, Regeneration, kein Stress – das sind die Grundlagen für ein gesundes Altwerden. Darüber hinaus macht es aber aus meiner ärztlichen Erfahrung Sinn, innen drin, also in der Biochemie im Blut zu messen und objektiv zu schauen, was man funktionell im Stoffwechsel hin zur Gesundheit und hin zum gesunden Altern bewegen kann oder auch muss. Ob man gut oder schlecht im Stoffwechsel altert, spürt man nicht. Man kann nur über eine Blutabnahme herausfinden, wo genau im Stoffwechsel die individuellen Schwachstellen sind. Diese Schwachstellen nenne ich „Krankwerte”, diesen Begriff habe ich in meinen Büchern detailliert erklärt. Und ergänzend zu diesen Krankwerten sind auch die Zustands-Schlüsselwerte interessant, die von ihrem Optimum abweichen, wenn im Stoffwechsel erste Störungen auftreten. Und mit Nährstoffen und Hormonen, das sind zum einen „Gesundmachstoffe”, aber auch Schlüsselstoffe, kann man dann aktiv eingreifen, um verschobene Schlüsselwerte zu optimieren und steigende Krankwerte zu senken.

Side Fact: Krankwerte – frühe Marker für spätere Erkrankungen

Krankwerte sind klassische Laborparameter wie LDL-Cholesterin, HbA1c, Kreatinin oder CRP. Sie steigen im Verlauf stoffwechselbedingter Erkrankungen meist kontinuierlich an. Je weiter sie sich von niedrigen, gesunden Bereichen entfernen, desto höher wird das Risiko für strukturelle Organschäden. Präventiv betrachtet sind bereits leichte, dauerhafte Abweichungen relevant, auch wenn noch keine akute Erkrankung vorliegt.

Quelle: Orfanos-Boeckel, H. (2023). Nährstoff- und Hormontherapie – Der Präventions-Leitfaden. TRIAS Verlag.

Nehmen wir zum Beispiel die Entkalkung des Knochens und den Knochenabbau: Es gibt im Blut zwei Werte, die man bestimmen kann, die ich Knochen-Krankwerte nenne. Diese beiden Parameter steigen, je mehr sich der Knochen abbaut. Dieser Abbau, gekennzeichnet durch die Erhöhung dieser Werte, führt dann in den nächsten Jahren und Jahrzehnten zu einem Knochendichteverlust, der in der Knochendichtemessung als Osteoporose mit einem T-Score von unter -2.5 objektivierbar ist. Mein Ziel ist es, schon in diesem frühen Zeitpunkt des Anstiegs dieser Knochen-Krankwerte einzugreifen, bevor es Jahre später in der Bildgebung zu einem krankhaften, meist auch nicht mehr reversiblen Knochendichteverlust mit ggf. auch einer osteoporotischen Fraktur gekommen ist – ich will diesen Prozess, der dann Jahre, Jahrzehnte krank macht, frühzeitig beeinflussen. 

Osteopenie, die Vorstufe der Osteoporose, und die Osteoporose, kann auch eine Frau haben, die gesund isst und perfekt schläft und auch sonst alles richtig macht. Einfach, weil sie genetisch eine Prädisposition dazu hat. Das ist es doch gerade: Wir Frauen haben, egal ob wir perfekt sind oder nicht, Wechseljahre und wir haben eine Genetik. Und wir können, auch wenn wir uns perfekt verhalten, trotzdem Osteopenie oder eben auch Arteriosklerose (Gefäßverkalkung) bekommen. Darum geht es mir, dass man objektiviert, ob das, was man glaubt - dass man doch gesund ist - auch wirklich innen drin stimmt.

Das ist eine wichtige Quintessenz in meiner Arbeit, die ich in mittlerweile drei Büchern beschrieben habe, dass eben auch die perfekt lebende Frau trotzdem innen drin altersbedingte Krankheiten entwickeln kann. Die Natur schaltet in einem gewissen Alter unsere Ovarien ab, ab 40 gibt es immer weniger Progesteron und spätestens ab 50 auch kein Östrogen mehr, manchmal auch schon sehr viel früher. Der Knochen braucht aber Östrogene, um nicht übermäßig abzubauen, und der Knochen braucht Progesteron und auch Androgene wie Testosteron und DHEA, um sich wieder aufzubauen. Das heißt nicht, dass die Ernährung, der Sport und Medikamente nicht wichtig sind. Nährstoffe und Hormone ergänzen das gesunde Verhalten und sollen helfen, nicht so früh so starke Medikamente zu benötigen.

Mir geht es grundsätzlich um eine ergänzende Nährstoff- und Hormonmedizin auf dem Boden gesunder Verhaltensweisen im Alltag. Das ist, wie gesagt, der ergänzende Gap – und meine Expertise liegt darin, wie man das im Labor erkennen kann, wo die Schwachstellen sind, wo die Risiken sind, in Zukunft krank zu werden, und wie man dann mit Nährstoffen und Hormonen gegenwirken kann, von innen heraus, und zwar biochemisch mit körpereigenen Substanzen.

Side Fact: Schlüsselwerte – wenn zu viel oder zu wenig problematisch ist

Schlüsselwerte besitzen einen engen physiologischen Optimalbereich innerhalb der Referenz. Sowohl zu hohe als auch zu niedrige Spiegel können die Stoffwechselregulation beeinträchtigen. Dazu zählen beispielsweise Calcium, Natrium, Kalium, Insulin, Cortisol oder Estradiol. Anders als Krankwerte steigen oder fallen sie nicht einseitig, sondern können in beide Richtungen aus dem Gleichgewicht geraten.

Quelle: Orfanos-Boeckel, H. (2023). Nährstoff- und Hormontherapie – Der Präventions-Leitfaden. TRIAS Verlag.

Prävention im Alltag umsetzen

5. Viele Menschen möchten frühzeitig etwas für ihre Gesundheit tun, wissen aber nicht, wo sie anfangen sollen. Welche präventiven Maßnahmen lassen sich aus Ihrer Erfahrung am besten in den Alltag integrieren?

Dr. med. Orfanos-Boeckel: Auch diese Frage lässt sich aus meiner Sicht nicht pauschal beantworten, da fehlt der wichtigste Schritt dazwischen. Wenn ich Maßnahmen empfehlen soll, muss ich doch erstmal eine Diagnostik machen. Und um eine Diagnostik zu machen, muss ich mich erstmal mit dem Menschen beschäftigen, herausfinden, wo er steht. Und dann muss ich individuell beraten, was und wie er individuell tun soll für den Bereich, in dem Präventionsbedarf besteht. 

Ich bin weder Sportmedizinerin noch Ernährungsfachfrau und auch keine auf Stress spezialisierte Psychotherapeutin. Ich bin eine nephrologisch geprägte Internistin und meine Herangehensweise ist, immer zuerst im Blut zu betrachten, was der Mensch im Stoffwechsel überhaupt hat. Und wenn ich da dann bestimmte Werte sehe, mache ich natürlich ergänzend auch noch mal eine Bildgebung. Die Idee ist, die Bereiche, in denen wir später häufig erkranken, nämlich Herz-Kreislauf-Krankheiten, also meinetwegen Herzinfarkt, Herzinsuffizienz, aber auch Niereninsuffizienz, Schlaganfall und Demenz, frühzeitig im Blick zu haben und da genau hinzuschauen, weil sich dort schon 20, 30 Jahre früher zeigt, wo man präventiv hinarbeiten kann. 

Prävention fängt natürlich mit dem gesunden Verhalten an, das habe ich auch in meinem ersten Buch beschrieben mit den „Big Five“ und den „Little Three“, aber als Internistin liegt mein Fokus darauf, durch spezifische Blutanalysen einen genauen Einblick in den aktuellen inneren Blut-Zustand zu erhalten. Hat der Mensch ein erhöhtes Risiko für die Entstehung von Arteriosklerose? Gibt es einen erhöhten Lipoprotein(a)-Wert? Gibt es eine Hypercholesterinämie? Ist vielleicht der Anfang einer Niereninsuffizienz zu erkennen? Hat der Mensch Bluthochdruck? Wo macht es Sinn, einem anderen Verhalten entgegenzuwirken? Oder braucht es doch Pharmaka, wenn die genetische Veranlagung ungünstig ist und das Verhalten auch schon sehr gut ist und man da gar nichts mehr verbessern kann? 

Side Fact: Referenzbereich ist nicht automatisch Optimalbereich

Labor-Referenzbereiche geben statistisch an, welche Werte in einer Bevölkerung häufig vorkommen. Sie definieren jedoch nicht zwingend den individuellen Optimalbereich für langfristige Stoffwechselgesundheit. Besonders bei Nährstoffen oder bestimmten Hormonen kann ein Wert innerhalb der Referenz liegen, ohne präventiv optimal zu sein.

Quelle: Orfanos-Boeckel, H. (2023). Nährstoff- und Hormontherapie – Der Präventions-Leitfaden. TRIAS Verlag.

Ich glaube, die Frage unterschätzt per se, aber auch die krankmachende Dynamik des Alterungsprozesses. Alterung per se hat einen Preis, da passieren Dinge, egal wie wir uns verhalten. Das ist einfach so, wir sind endlich und sterben eines Tages, egal, was wir jetzt anstellen. Natürlich können wir durch unser Verhalten viel beeinflussen, aber irgendwo gibt es auch mal eine Grenze. Hinzu kommt, dass sich viele von uns auch nicht die Zeit und das Geld haben, sich den ganzen Tag um ihre optimale Gesundheit zu kümmern. 

Und insofern denke ich, es wäre doch viel besser, wenn man individuell erstmal ins Blut reinschaut, was denn überhaupt innen drin Sache ist, um dann spezifisch zu agieren, anstatt pauschal immer weiter gesunde Allgemein-Maßnahmen zu empfehlen. 

Ich finde es wichtig, in der Prävention den Einzelnen abzuholen und individuell zu schauen, was wichtig ist und was nicht so wichtig ist. Ich bin nicht streng und ich kann doch auch einem Menschen, der raucht, weil er es braucht, um sich zu entspannen, helfen, nicht auch noch Diabetes zu bekommen oder nicht auch noch eine osteoporotische Fraktur erleiden zu müssen, wofür es natürlich beim Rauchen mehr Risiko gibt. Will sagen, ich bin nicht der Meinung, dass erst der Patient oder die Patientin perfekt sein muss und erst dann helfe ich als Arzt, sondern ich helfe, egal wo der Mensch steht. Und das geht eben nur über eine eingehende Diagnostik, da kann man prüfen, welche Maßnahmen spezifisch für diesen Menschen sinnvoll und nötig sind.

Meine Erfahrung ist, dass der Mensch in diesem Prozess, je mehr er sich mit sich selbst beschäftigt, auch Wissen über sich bekommt und dann von allein anfängt, seinen Alltag gesünder zu gestalten. Die Menschen sind weder dumm noch faul. Sie wissen nur zu wenig, was wirklich für sie persönlich relevant ist und auch Wirkung zeigt.

Frauen im Fokus – hormonelle Veränderungen und Gefäßgesundheit

6. In hormonellen Umstellungsphasen wie den Wechseljahren verändern sich viele Körperprozesse. Welche Bedeutung kann eine gezielte Nährstoffzufuhr – im Rahmen ihrer zugelassenen Wirkungen – in dieser Phase haben?

Dr. med. Orfanos-Boeckel: Ja, die Frage ist für mich nicht so richtig stimmig, denn ich würde sagen, junge Menschen profitieren sehr von einer Nährstofftherapie, weil wir alle sowieso einen Mangelzustand an all den Stoffen haben, die ich in meinen Büchern genannt habe. 

Wenn die Frau in die Wechseljahre kommt, kommt zum „normalen“ Nährstoffbedarf dann noch die hormonelle Umstellung dazu. Und das Wichtigste in dieser Zeit ist es, sich um die Hormonersatztherapie zu kümmern. Die Hormone sind für den Knochen sehr wichtig. Die Nährstoffe sind auch wichtig und Sport ist natürlich auch wichtig, aber wenn die Frau in die Wechseljahre kommt, wird sich ihr Befinden und der Schlaf womöglich mit Nährstoffen allein nicht verbessern lassen. Dann helfen die Hormone.

Side Fact: Wechseljahre – medizinisch und gesellschaftlich relevant

Menopausale Beschwerden wie Schlafstörungen, Erschöpfung oder Stimmungsschwankungen können erhebliche Auswirkungen auf Arbeitsfähigkeit und Lebensqualität haben. Gleichzeitig stehen hormonelle Veränderungen in dieser Lebensphase mit Veränderungen im Knochen- und Gefäßstoffwechsel in Zusammenhang. Eine frühzeitige medizinische Einordnung kann daher helfen, individuelle Risiken besser zu verstehen.

Quelle: Orfanos-Boeckel, H. (2023). Nährstoff- und Hormontherapie – Der Präventions-Leitfaden. TRIAS Verlag.

Es ist eine Illusion zu glauben, dass man die Osteopenie und die Osteoporose verhindern kann, wenn man ein bisschen Vitamin D futtert – wenn man bestimmte genetische Voraussetzungen hat, reicht das einfach nicht. Vitamin D ist natürlich gut, und es ist auch gut, Beziehungen zu haben und glücklich zu sein und in die Natur zu gehen.

Aber ich bin Internistin, mich interessiert der Verlauf unserer inneren Biochemie, und mir geht es spezifisch um die frühen Verfalls-Prozesse, die in der Inneren Medizin für gewöhnlich nicht beachtet werden. Da wird viel zu spät kurativ interveniert, erst, wenn der Mensch etwas spürt und wenn etwas kaputt geht, dann gibt es Leitlinien, dann gibt es Operationen, Pharmaka und technische Medizin. Die Idee ist aber, dass der beginnende Krankheitsprozess schon 20, 30 Jahre früher zu erkennen ist und man da nicht mit Pharmaka, sondern mit körpereigenen Stoffen intervenieren kann, auch ganz spezifisch das Verhalten optimieren kann und dann steht man mit 60, 70 eben besser da.

In der Zahnheilkunde wird das gemacht, in der Dermatologie wird das auch gemacht und vielleicht vor allem deshalb, weil da Arzt und Patient, oder eben Ärztin und Patientin gemeinsam auf das Organ der Fürsorge schauen können und auch weil Zähne sehr deutliche Schmerzen hervorrufen können. Das macht eine Niere nicht, das macht ein Knochen und auch ein Herz nicht immer, da spürt man vielleicht ein bisschen was, aber eine koronare Herzerkrankung tut nicht richtig weh, es sei denn, sie ist fortgeschritten und man hat eine Angina pectoris. Eine Demenz spürt man auch nicht so schnell. Das heißt, es handelt sich hier um Dinge, die wir über Jahre und Jahrzehnte nicht bemerken, durch kein einziges Symptom. Und gerade deswegen muss man – genauso wie man in der Zahnheilkunde frühzeitig und regelmäßig die Zähne anguckt – auch mal frühzeitig auf die Werte im Blut gucken. Damit kann man Prävention machen und dann hat auch die Prävention eine Strategie, ein System. Man kann das logisch planen, individuell ausrichten und man kann überprüfen, ob man damit an Gesundheit gewinnt. Man kann es objektivieren, ob das, was man macht, auch etwas bringt, indem man eben regelmäßig die Blutwerte misst.

„Die Idee ist aber, dass der beginnende Krankheitsprozess schon 20, 30 Jahre früher zu erkennen ist und man da nicht mit Pharmaka, sondern mit körpereigenen Stoffen intervenieren kann.“

Zukunft der Präventionsmedizin

7. Welche Entwicklungen in der Forschung rund um gesunde Alterungsprozesse und Präventionsmedizin halten Sie aktuell für besonders vielversprechend?

Dr. med. Orfanos-Boeckel: Ehrlich gesagt bedauere ich zutiefst, dass in der Nährstoff- und Hormonmedizin nicht geforscht wird, warum auch immer das so ist, offenbar wird es für nicht wichtig genug erachtet. Dagegen passieren sehr viele Hightech-Sachen, die ich jetzt auch nicht alle im Detail verfolge, wo es darum geht, ob man nun sein Blut waschen lässt und die Umweltgifte rausbringt, oder ob man nun Medikamente entwickelt, die sozusagen die Wurzel der Alterung angreifen und verhindern können. 

Es gibt da viele interessante Medikamente, die in der Inneren Medizin schon verwendet werden, die durchaus Potenzial im Sinne von Healthy Longevity haben. Das sind zum Beispiel in der Inneren Medizin die SGLT-Hemmer oder auch das Semaglutid, die Statine und die Sartane. Man muss bei Frauen immer eher zart dosiert beginnen und nicht von Anfang an mit der Dosis aus den Studien, die mit Männern durchgeführt wurden. Da wird aktuell sehr viel geforscht und was sich da durchsetzen wird, das werden wir sehen. Meistens ist das eben auch die Frage, wer am meisten Geld hat, um in solche Forschungsprojekte zu investieren. Aber der Markt hat das Potenzial von Longevity erkannt, auch ganz allgemein von Dingen, die dabei helfen, gesund zu bleiben, während wir altern. Da gibt es sehr, sehr viele Dinge und sicher auch einige, die vielleicht letztlich nicht so wichtig sind.

Was ich am wichtigsten fände, ist, dass man in der ambulanten Medizin die Menschen früher individuell spezifisch untersucht und ihr persönliches Risiko, schlecht und krankhaft zu altern, objektiviert und dann eben gezielt berät und aktiv interveniert. Das ist auch kein großer Akt, man könnte zum Beispiel beim Check-up 35, den man ab 35 Jahren alle 3 Jahre beim Hausarzt machen kann, ergänzend zum Nüchtern-Blutzucker, Gesamt-, HDL- und LDL-Cholesterin, zwei, drei Krankwerte – wie den HbA1c-Wert, das Kreatinin mit GFR, das quantitative CRP oder auch das Lp-PLA2 – mit integrieren, die spezifischer darüber Auskunft geben, ob jemand in den nächsten Jahrzehnten ein Risiko hat, Krankheiten zu entwickeln. Wenn diese Werte ansteigen, müsste daraus natürlich eine individuelle Intervention erfolgen, um den weiteren Anstieg der Krankwerte zu verhindern. Aber dieses feine und frühere Screening, welches man im Verlauf auch kontrolliert und aktiv hin zur Gesundheit gestaltet, hätte ein großes Potenzial, die Bevölkerung bezüglich dieser häufigen altersbedingten Stoffwechselerkrankungen und ihrer Folgen besser zu schützen. 

„Da wird viel zu spät kurativ interveniert, erst, wenn der Mensch etwas spürt und wenn etwas kaputt geht [...]. Die Idee ist aber, dass der beginnende Krankheitsprozess schon 20, 30 Jahre früher zu erkennen ist und man da nicht mit Pharmaka, sondern mit körpereigenen Stoffen intervenieren kann, auch ganz spezifisch das Verhalten optimieren kann und dann steht man mit 60, 70 eben besser da.“

Hinweis: Dieses Interview dient ausschließlich der allgemeinen Information. Die dargestellten Einschätzungen und Aussagen geben die persönliche wissenschaftliche Meinung sowie die klinische Erfahrung der interviewten Expertin bzw. des interviewten Experten wieder und basieren unter anderem auf deren eigener Forschung. 

Die geteilten Informationen spiegeln die persönliche berufliche Erfahrung der Expertin wider und stellen keine offiziellen Aussagen oder Behauptungen von VitaminExpress dar.

Die Inhalte stellen keine im Sinne der EU-Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 zugelassenen Health Claims dar und sind nicht als Aussagen zur Prävention, Behandlung oder Heilung von Krankheiten zu verstehen. Das Interview ersetzt keine individuelle medizinische Beratung. Bei gesundheitlichen Fragen wenden Sie sich bitte an medizinisches Fachpersonal.

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Dr. med. Helena Orfanos-Boeckel

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