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Interviews

Innere Stabilität in unsicheren Zeiten: Dr. Tatjana Reichhart über Resilienz, Stress und mentale Gesundheit

Dr. med. Tatjana Reichhart

1. Sept. 2026
11 Minuten
In Zeiten, in denen sich viele von uns zunehmend gestresst und ohnmächtig fühlen, können wir unsere mentale Gesundheit über einen bewussten Lebensstil und regelmäßige Regenerationsphasen unterstützen – inklusive der gezielten Förderung unserer Resilienz, um neuen Herausforderungen mit innerer Stärke zu begegnen.
Innere Stabilität in unsicheren Zeiten: Dr. Tatjana Reichhart über Resilienz, Stress und mentale Gesundheit

Mentale Gesundheit als Zukunftskompetenz

1. Frau Dr. Reichhart, Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit psychischer Gesundheit, Resilienz und der Frage, wie Menschen auch unter schwierigen Bedingungen handlungsfähig bleiben. Warum ist die mentale Gesundheit heute aus Ihrer Sicht mehr denn je eine Schlüsselressource, sowohl für den Einzelnen als auch für die Gesellschaft insgesamt? 

Dr. Reichhart: Meiner Meinung nach ist die mentale Gesundheit heute mehr denn je eine Schlüsselressource - sowohl für den Einzelnen als auch für die Gesellschaft, weil unser Gehirn besonders belastet ist. Wir erhalten heute als Menschen in 2026 so viele Informationen pro Tag wie Menschen im Mittelalter in ihrem ganzen Leben. Das heißt nicht, dass unser Gehirn damit nicht zurechtkommt, aber wir brauchen bestimmte Fähigkeiten und Rahmenbedingungen, in denen wir mit den Herausforderungen gut umgehen können. Das sind Fähigkeiten, die vornehmlich in unserem Gehirn stattfinden. 

„Wir erhalten heute als Menschen in 2026 so viele Informationen pro Tag wie Menschen im Mittelalter in ihrem ganzen Leben. [...].“ 

Wenn wir allerdings über das Gehirn bzw. über die mentale Gesundheit sprechen, dann spreche ich automatisch auch über den Körper, da beide miteinander verknüpft und nicht allein gedacht werden können. Gerade Resilienz ist eine Schlüsselressource – der funktionale Umgang mit Herausforderungen –, aber auch die Fähigkeit, unseren Körper menschengerecht einzusetzen. Das ist die große Herausforderung unserer Zeit, da wir mit Dingen konfrontiert werden, die eigentlich nicht gut für uns als Menschen sind: Dauerhaftes Sitzen, permanente Ablenkungen über unser Smartphone und auch die damit verbundene Aufmerksamkeitsspanne, da wir ständig auf mentaler und körperlicher Ebene gefordert werden. 

Diesbezüglich brauchen wir das Wissen, die Kompetenzen und Ressourcen, um damit so umzugehen, dass es nachhaltig gut für uns ist. Aus Sicht der Gesellschaft sind wir als Menschen nur dann leistungsfähig – bezüglich der Produktivität, aber beispielsweise auch, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen –, wenn wir selber in unserer mentalen und psychischen Kraft sind und etwas zur Gesellschaft beitragen können. Daher sollte der Fokus darauf liegen, dass es uns Menschen gut geht.

Resilienz aus Sicht von Gehirn und Nervensystem 

2. Resilienz wird oft als reine Frage der Einstellung verstanden. Sie betrachten den Menschen jedoch auch aus neurobiologischer Perspektive. Was geschieht im Gehirn und Nervensystem, wenn Menschen Belastungen erfolgreich bewältigen und langfristig psychisch stabil bleiben? 

Dr. Reichhart: Wir wissen noch nicht genau, was im Gehirn und Nervensystem geschieht, wenn Menschen Belastungen erfolgreich bewältigen. Diese Zusammenhänge sind gerade Bestandteil der Resilienzforschung. Was wir aktuell sagen können, ist, dass es sehr unterschiedliche Funktionen sind, die multifaktoriell als Prozess zusammengreifen, wenn jemand resilient reagiert. Personen, die positiver mit funktionellen Belastungen umgehen, können tendenziell flexibler agieren. Das bedeutet, dass das Gehirn dynamischer reagiert und nicht nur in den vorgefertigten Nervenbahnungen im Gehirn läuft, sondern dass diese Menschen von den vorgefertigten “Autobahnen ihres Gehirns” abweichen. Sie können neue Bahnungen aufbauen – ohne nach einem potenziell traumatischen Erlebnis in die starre Vorannahme zu gehen, dass es wieder so schlecht wird, sondern die aktuelle Situation neu und flexibel bewerten bzw. die gewohnte Komfortzone verlassen. 

Bei diesem Prozess verbinden sich auf neuronaler Ebene neue Nervenbahnen im Gehirn im Sinne der Neuroplastizität (Verwandlung des Gehirns) und wir können bei weiteren Herausforderungen des Lebens adaptiver reagieren – sowohl auf zellulärer bzw. neuronaler als auch auf hormoneller Ebene über die Ausschüttung von Neurotransmittern.

Side Fact: Resilienz und die neuronale Plastizität des Nervensystems 

Der Begriff Resilienz gewinnt im Bereich Stressmanagement zunehmend an Interesse. Wer resilient reagiert, besitzt im Gegensatz zu weniger belastbaren Personen eine psychische Widerstandskraft gegenüber mentalen Herausforderungen und psychischen Belastungen. Aus neurobiologischer Sicht handelt es sich bei der Fähigkeit der Resilienz um einen dynamischen Anpassungsprozess des Gehirns. 

Der Grund: Das sogenannte Prinzip der Neuroplastizität ermöglicht es unserem Nervensystem, seine Struktur und Vernetzung kontinuierlich zu verändern – als flexible, dynamische Reaktion auf Erfahrungen und Stressoren, denen mit neuen Verhaltensweisen begegnet wird.

Indem sich eine Person auf emotionaler Ebene selbstständig regulieren kann und in der Lage ist, Stresssituationen flexibel und neu zu bewerten – beispielsweise auf Basis von erlernten Entspannungstechniken –, bilden sich im Gehirn neue Verknüpfungen bzw. neuronale Netzwerke aus. Dadurch kann das Nervensystem bei zukünftigen Belastungen und mentalen Herausforderungen adaptiver reagieren und Stressoren entspannter begegnen. 

Quelle: Pittenger, C., & Duman, R. S. (2008). Stress, depression, and neuroplasticity: a convergence of mechanisms. Neuropsychopharmacology, 33(1), 88–109. https://doi.org/10.1038/sj.npp.1301574 (PMID: 17851537). 

Wenn Stress seine Schutzfunktion verliert

3. Stress ist grundsätzlich ein natürlicher und wichtiger Mechanismus. Woran erkennen Menschen, dass Belastungen nicht mehr nur fordern, sondern ihre mentale Gesundheit nachhaltig beeinträchtigen?

Dr. Reichhart: Wenn Stress chronisch wird, das gesamte vegetative Nervensystem nicht mehr in die Erholung bzw. Regeneration kommt und ein Stressor auf den nächsten folgt, sieht man unter anderem an der messbaren Herzratenvariabilität, dass es dort bereits physiologische Einschränkungen gibt. Betroffene spüren, dass sie nicht mehr zur Ruhe kommen und nicht abschalten können. Hinzu können Schlafstörungen, Magenschmerzen sowie Übelkeit, Nackenverspannungen, Tinnitus und Angstzustände als eindeutige Warnsignale des Körpers kommen, da dieser in dauerhafter Anspannung verharrt. Auch soziale Kontakte können zunehmend als kräftezehrend empfunden werden. 

Es gibt oft nicht nur einen großen Stressor, sondern oft ist es vergleichbar mit einem kleinen Kieselstein im Schuh, der anfangs nur nervt, dann aber über einen längeren Zeitraum zu massiven Schmerzen führen kann. 

„Chronische Alltagsstressoren sind vergleichbar mit einem kleinen Kieselstein im Schuh, der anfangs nur nervt, dann aber über einen längeren Zeitraum zu massiven Schmerzen führen kann. [...].“ 

Die Psychologie nachhaltiger Regeneration

4. Viele Menschen berichten heute, dass sie selbst in der Freizeit innerlich auf Stand-by bleiben. In Ihrer therapeutischen Arbeit betonen Sie, dass Erholung oft an inneren Erlaubnissen scheitert. Wie durchbrechen wir tief sitzende psychologische Muster des permanenten Funktionierens, um dem Nervensystem wieder echte, tiefe Regeneration zu ermöglichen? 

Dr. Reichhart: Es ist sehr herausfordernd, da die Muster oftmals in der (frühen) Kindheit geprägt werden. Als Kind entwickeln wir Schutzmechanismen und lernen beispielsweise im Umgang mit unseren Eltern, dass wir Zuneigung dann bekommen, wenn wir funktionieren. Und wenn wir diese Erfahrungen als Erwachsener rein kognitiv verändern wollen, scheitern wir oft daran, da Glaubenssätze wie “Ich bin nicht ok so wie ich bin” oder „ich muss perfekt sein“ nicht nur auf kognitiver Ebene ablaufen. 

Wenn wir als Erwachsene aber immer noch von diesen Glaubenssätzen getrieben sind, ist es wichtig, genau zu hinterfragen, an welches Gefühl aus der Vergangenheit mich diese Situation im hier und jetzt erinnert und welches Bedürfnis dieses Gefühl eigentlich in mir ausdrückt – zum Beispiel das Bedürfnis nach Anerkennung. Und wie kann ich mir diese Anerkennung als erwachsene Person anders holen als nur damit, ständig perfekt sein oder es anderen recht machen zu wollen. Wichtig ist es, den aufkommenden Gefühlen Raum zu geben, die aktuelle Situation neu zu bewerten und nicht mehr als bedürftiges Kind zu handeln, das nur geliebt wird, wenn es funktioniert. 

Parallel würde ich empfehlen, die körperliche Entspannung über Atemübungen, Autogenes Training oder Progressive Muskelentspannung zu fördern, um in herausfordernden Situationen besser auf Gefühle und Gedanken zurückgreifen zu können.

Abgrenzung als Schutzfaktor der Psyche

5. Ein zentraler Pfeiler Ihrer Arbeit in der Stress- und Resilienzberatung  ist die Fähigkeit, Grenzen zu setzen. Warum wird die psychologische Abgrenzung in einer permanent erreichbaren Leistungsgesellschaft zu einem so kritischen Schutzfaktor für die psychische Gesundheit und wie gelingt dieser Spagat, ohne in die soziale Isolation zu geraten?

Dr. Reichhart: Häufig denken wir, dass wir, wenn wir nein sagen, in eine soziale Isolation geraten würden, was der Realität allerdings nicht entspricht. Das sind auch wieder alte Muster, die evolutionsbiologisch bis zur Entstehungsgeschichte der Menschheit zurückgehen. Wir konnten nur dann überleben und können auch heute als Kind nur dann überleben, wenn wir in einem sozialen Verbund sind und in erster Linie von unseren Eltern bzw. unserer Familie Unterstützung bekommen – wir haben also ein zutiefst angeborenes und eingeprägtes Bedürfnis nach Zugehörigkeit, um darüber Sicherheit zu erlangen, letzten Endes zu überleben. 

Und über diese Zusammenhänge müssen wir uns in Situationen, in denen wir nein sagen, bewusst sein. Besteht beispielsweise wirklich die Gefahr, aus der Gruppe ausgestoßen zu werden, wenn ich meinem Chef sage, dass ich diese Überstunden nicht mache? Und falls ja, was würde das über meinen Chef aussagen?

Es geht darum, Situationen erwachsen zu bewerten und auch die größten Ängste zu Ende zu denken, auszusprechen (z.B. die Angst vor einer Kündigung) und zu relativieren, weil dann die Bedrohung ihre Kraft verliert. Dabei können Gefühle von Scham oder Schuld auftreten, denen man am besten mit Selbstmitgefühl und Selbstfürsorge begegnet. Ich sollte mir erlauben, dass diese Gefühle auftreten dürfen, während ich frei für mich entscheide.

Die biologischen Grundlagen der Resilienz

6. Wenn wir über mentale Gesundheit sprechen, denken viele zunächst an Gedanken, Gefühle oder Verhaltensweisen. Sie betonen jedoch auch die fundamentale körperliche Basis unseres Wohlbefindens. Wenn das Nervensystem unter Dauerstress steht, verbraucht der Organismus vermehrt biochemische Ressourcen. Welche Rolle spielt in diesem physiologischen Gefüge ein gut gedeckter Haushalt an Schlüsselmineralstoffen wie Magnesium, um die normale psychische Funktion und die Belastbarkeit der Nerven in Balance zu halten?

Dr. Reichhart: Es ist sinnvoll, als Grundvoraussetzung zu versuchen, regenerative Phasen einzubauen, die nicht zwingend Ruhe bedeuten. Es können auch Aktivitäten von persönlichen Interessen sein, die uns Freude bereiten. Dann spielt der Schlaf eine entscheidende Rolle als biologische Grundlage der Resilienz. Wenn wir nicht ausreichend schlafen, sind wir deutlich dünnhäutiger und haben viel weniger Widerstandskraft gegenüber äußeren Stressoren. Das lässt sich auf körperlicher Ebene daran erkennen, dass unser Immunsystem schlechter arbeitet und wir Bakterien oder Viren viel schlechter abwehren können, wenn wir dauerhaft schlecht schlafen. 

Hinzukommen unsere Ernährung und unser Trinkverhalten. Wasser ist zur Aufrechterhaltung der Homöostase der Gehirnzellen essentiell, denn wenn wir nicht ausreichend Flüssigkeit aufnehmen, funktioniert unser Gehirn nicht optimal. Im Hunger sind wir wiederum gereizter und deutlich weniger selbstregulationsfähig – also weniger in der Resilienz. Wenn wir hingegen zuckerreich essen, pushen wir unseren Insulinspiegel mit der Folge, dass wir schnell wieder Hunger bekommen und müde und weniger belastbar werden. 

Zusätzlich benötigt der Körper Vitamine wie Vitamin C und D für die Abwehrkräfte. Vitamin C und D tragen zu einer normalen Funktion des Immunsystems (körperliche Abwehr) bei. Ausgewählte B-Vitamine wie B6, Folsäure und B12 sind für die psychische Resilienz wichtig (B6, Folsäure und B12 tragen zur normalen psychischen Funktion bei). Hinzukommen Mineralstoffe wie Magnesium (Magnesium trägt zu einer normalen Funktion des Nervensystems und zu einer normalen psychischen Funktion bei), um auf Zellebene funktionieren zu können.

Zu guter Letzt spielen auch ausreichend Bewegung zum Stressabbau und soziale Verbindungen inklusive Zärtlichkeiten, Berührungen und Sexualität (auch Selbstliebe) eine wertvolle Rolle  – zur Selbstregulation und auf hormoneller Ebene über die Ausschüttung von Oxytocin.

Side Fact: Magnesium und die Funktion des Nervensystems 

Magnesium ist ein wahrer Allrounder, da dieser essentielle Mineralstoff als Kofaktor an über 300 enzymatischen Reaktionen unseres Körpers beteiligt ist. Entsprechend muss dieser Mikronährstoff in ausreichender Menge vorliegen. Unter anhaltender physischer oder psychischer Belastung ohne ausreichende Regenerationsphasen wird Magnesium auf zellulärer Ebene zunehmend verbraucht und es kann zu einer Mangelsituation kommen. Die unerwünschte Folge: Die Belastbarkeit unserer Nerven kann beeinträchtigt werden, da Magnesium zu einer normalen Funktion des Nervensystems sowie zu einer normalen psychischen Funktion beiträgt.  

Quelle: Verordnung (EU) Nr. 432/2012 der Kommission vom 16. Mai 2012 zur Festlegung einer Liste zulässiger anderer gesundheitsbezogener Angaben über Lebensmittel als Angaben über die Reduzierung eines Krankheitsrisikos sowie die Entwicklung und Gesundheit von Kindern (EFSA Journal 2009; 7(9):1216, 2010; 8(10):1807). 

Selbstbestimmung im Zeitalter des Wandels

7. Wenn Sie einen Blick in die Zukunft werfen: Unsere Lebens- und Arbeitswelt verändert sich in rasanter Geschwindigkeit. Sie betonen in Ihren aktuellen Arbeiten oft, dass technologische Umbrüche wie die Künstliche Intelligenz wie ein Brennglas wirken, das uns auf unsere ureigenen menschlichen Qualitäten zurückwirft. Welche inneren Haltungen müssen wir künftig kultivieren, um seelisch stabil, authentisch und im Kern gesund zu bleiben? 

Dr. Reichhart: Weil sich so viel auf technologischer Ebene (Beispiel KI) rasant verändert, ist es wichtig, uns auf das zu besinnen, was wir am besten können: Mensch zu sein. Das bedeutet, mit sich selbst, mit anderen und mit der Natur in Verbindung zu bleiben, vor allem menschlich zu agieren, also wie wir miteinander umgehen und dabei unsere Werte definieren – etwas, was die KI nicht kann. 

„Weil sich so viel auf technologischer Ebene rasant verändert, ist es wichtig, uns auf das zu besinnen, was wir am besten können: Mensch zu sein. [...].“ 

Wir können das aktiv gestalten, was uns wirklich wichtig ist; auch für die Zukunft unserer Erde. Viele fühlen sich aktuell ohnmächtig und befürchten einen Verlust der Selbstwirksamkeit (ein zentraler Faktor der Resilienz), aber letztendlich liegt es in unserer Hand und wir haben die Verantwortung. Wir können uns bewusst entscheiden, die gute Seite zu wählen, hoffnungsvoll und mitfühlend im kooperativen Miteinander zu sein, wenn wir spüren, dass Verbitterung oder Einsamkeit in uns aufkommen. 

Und auch wir sind es, die die technologische Entwicklung initiiert haben und zukünftig verantwortungsbewusst und aktiv mit unseren Werten mitgestalten können.

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