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Interviews

Mikronährstoffe und Energie: Prof. Dr. Elmar Wienecke über Leistungsfähigkeit, Stress und Männergesundheit

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Prof. Dr. Elmar Wienecke

Mar 13, 2026
18 Minuten
Mikronährstoffe wie Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente sind in zahlreiche Prozesse des Stoffwechsels, des Energiehaushaltes und des hormonellen sowie mentalen Wohlbefindens involviert. Im Fokus der Wissenschaft steht die Frage, ob und inwiefern die moderne Mikronährstofftherapie als ergänzende, ärztlich betreute Maßnahme zu einer nährstoffreichen Ernährung individuell sinnvoll ist.

Mikronährstoffe und hormonelle Balance verstehen

1. Herr Prof. Wienecke, Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit Mikronährstoffdiagnostik und Männergesundheit. Welche wissenschaftlichen Erkenntnisse gibt es darüber, wie eine gute Versorgung mit Mikronährstoffen zur normalen Hormonfunktion und zum allgemeinen Wohlbefinden beitragen kann?

Prof. Dr. Wienecke: Ja, das Thema beschäftigt mich seit Jahren. Mein Team und ich haben selbst dazu geforscht und meine Studierenden haben in den zehn Jahren, in denen mein Studiengang existiert, bereits 143 Masterarbeiten und SiP-Arbeiten (Studienabschlussarbeiten) dazu geschrieben. Der Studiengang nennt sich “Mikronährstofftherapie und Regulationsmedizin” an der Fachhochschule des Mittelstands (FHM) Bielefeld. Den habe ich damals vor zehn Jahren über meine Stiftung entwickelt und es ist der einzige seiner Art in Europa. Warum? Weil dieses Thema immer wieder sehr stiefmütterlich behandelt wird. Da erntet man in ärztlichen Kreisen teilweise nur Kopfschütteln oder auch sehr abwertende Aussagen, wenn man das Thema Mikronährstoffe anspricht. 

Da habe ich mir gesagt: Ich fange jetzt an, das Thema wissenschaftlich zu bearbeiten, also evidenzbasiert, wie man das in der Medizin eben macht. Zu abwertenden Aussagen, die ich häufig dazu gehört habe, sage ich heute nur noch: Sie können sich gerne bei mir im Studiengang anmelden. Sie glauben nicht, wie viele Ärzte bei diesem Thema argen Nachholbedarf haben. Ich bin von der Deutschen Mundgesundheitsstiftung in den Gesundheitssenat Deutschlands berufen worden. Das zeigt ja, dass meine Arbeit in Deutschland, aber auch international, eine zunehmend hohe Akzeptanz bekommt. Wenn sie mich vor 10 oder 15 Jahren gefragt hätten, hätte ich das nie geglaubt. Aber wenn man hartnäckig, mit akribischer Sorgfalt und Wissenschaft an die Sache herangeht, hat man damit auch langfristig Erfolg. 

„Man muss richtig messen! Klassische Blutanalysen liefern keine exakten Anhaltspunkte zum Nährstoffstatus, da unser Körper alle Ressourcen aus den Blutzellen zieht, um den Serumwert konstant zu halten – es kommt aber auf den zellulären Wert an.“

Warum individuelle Diagnostik entscheidend ist

2. Sie arbeiten mit individueller Mikronährstoffdiagnostik. Warum ist es so wichtig, Defizite präzise zu bestimmen, bevor über eine gezielte Supplementierung entschieden wird?

Prof. Dr. Wienecke: Wir Menschen haben einen natürlichen Schutzmechanismus: Wenn wir dem Körper nicht die Energie zuführen, die wir brauchen, greift der Körper sogenannte körpereigene Strukturproteine an und geht an seine persönliche Substanz – die sogenannte extrazelluläre Matrix und das Kompartimentsystem (Matrix). Diese Systeme bilden die Basis in der Mikronährstofftherapie und hier lässt sich präzise bestimmen, ob der individuelle Mikronährstoffstatus innerhalb der Cluster unserer weltweit einmaligen Mikronährstoff-Datenbank liegt. Aus dieser individuellen Betrachtung lässt sich dann ableiten, ob eine ergänzende Supplementierung erwogen werden sollte. 

Und ich muss betonen: Man muss richtig messen! Klassische Blutanalysen liefern keine exakten Anhaltspunkte zum Nährstoffstatus, da unser Körper alle Ressourcen aus den Blutzellen zieht, um den Serumwert konstant zu halten – es kommt aber auf den zellulären Wert an1


Bezüglich der Nährstoffaufnahme deuten wissenschaftliche Studien an, dass weniger als ein Drittel der Menschen die empfohlenen Mengen an Mikronährstoffen wie beispielsweise Magnesium erreichen – unter anderem, weil in den heutigen Nahrungsmitteln die Nährstoffkonzentration gesunken ist.2 Allerdings kann es natürlich nicht das Ziel sein, ein schlechtes Ernährungsverhalten durch Präparate zu kompensieren. Zunächst geht es darum, an der Ernährung anzusetzen und mehr Gemüse und zuckerarmes Obst wie Beeren mit niedrigerem Fructosegehalt zu essen.


Zusätzlich zur gesunden Ernährung kann dann individuell unter ärztlicher Rücksprache nach ausführlicher Diagnostik erwogen werden, ob eine ergänzende Mikronährstofftherapie sinnvoll ist. Eine Supplementierung dient aus Sicht der Mikronährstofftherapie dazu, den Körper bei seinen Regulationsmechanismen zu unterstützen. Dabei muss man natürlich auch immer den Darm im Blick haben.

Side fact: Extrazelluläre Matrix und Kompartimentsystem (Matrix)

Unser Körpergewebe besteht aus Zellen sowie dem dazwischenliegenden Zellzwischenraum, der Gewebsflüssigkeit und die sog. extrazelluläre Matrix umfasst. Die extrazelluläre Matrix besteht aus Grundsubstanz und Fasern, deren Verhältnis je nach Art des Gewebes variiert.

Das Kompartimentsystem umfasst abgegrenzte Räume innerhalb einer Zelle, die meist durch Biomembranen voneinander getrennt sind und dadurch verschiedene Reaktionsräume (Kompartimente) schaffen.

Quelle: Alberts, B. et al. (2014). Molecular Biology of the Cell. 6. Aufl. Garland Science. (Kap. 12 & 19). 

Link: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK21054/ 

Energie, Hormonveränderungen und Lebensstil im Alter

3. Viele Männer ab 40 berichten über weniger Energie oder Belastbarkeit. Welche Zusammenhänge sehen Sie zwischen Lebensstil, Hormonveränderungen und einer ausreichenden Mikronährstoffversorgung, wenn es um Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden geht?

Prof. Dr. Wienecke: Zunächst spielt die mentale Leistungsfähigkeit mit zunehmendem Alter eine Rolle. Gerade bei Männern, aber auch bei Frauen, die in die Wechseljahre kommen, lässt die Stressresilienz nach. Bei privaten oder beruflichen Stressoren reagiert man dann häufig unruhig, schläft nicht gut, schwitzt nachts, fühlt sich nicht wohl und regeneriert sich nicht ausreichend. All diese Faktoren interagieren indirekt mit der Schilddrüse, die wiederum dem Einfluss von Mikronährstoffen unterliegt. Es handelt sich dabei um einen komplexen Kreislauf, der auf regulativen Maßnahmen basiert – unter anderem über hormonelle Wege3.


Und da haben wir festgestellt, dass fast jeder zweite dort massive Probleme hat, Männer und Frauen, sobald sie ein gewisses Alter erreichen. 

Ein Faktor, der uns zum Beispiel bei Männern häufig auffällt, ist Argininmangel. Arginin ist eine Aminosäure, welche die Ausschüttung des Human Growth Hormone (HGH) – also des körpereigenen Wachstumshormons – aktiviert. Dieses Hormon ist entscheidend für die hormonelle Regulation des Mannes, insbesondere für die Vitalität und die sexuelle Funktion bzw. Erektionsfähigkeit. 

Mit zunehmendem Alter haben viele Männer in diesem Bereich Probleme und suchen urologischen Rat. Hierbei kann Arginin nach ärztlicher Rücksprache eine sinnvolle Empfehlung sein. Aber auch die Aminosäure Arginin kann der Körper nur in Verbindung mit B-Vitaminen aufnehmen, also allein die Zufuhr dieser Aminosäure würde nicht helfen – es ist wie gesagt immer ein komplexer Kreislauf, den man da im Blick haben muss. 

Weitere wichtige Faktoren sind Omega-3, Phenylalanin und Tyrosin – das sind alles wichtige Mikronährstoffe, die man bei Männern wie Frauen ab einem gewissen Alter im Blick haben sollte4.


Auch ATP, also Adenosintriphosphat, ist ganz wichtig, gerade für aktive Sportler.5 Die meisten wissen ja: die Mitochondrien sind die Kraftwerke der Zellen und sie liefern Energie. Und wenn der Mensch über längere Zeiträume keine ausreichende Energiezufuhr hat, also zu wenig ATP, dann können verschiedene Organstrukturen nicht mehr optimal arbeiten. Und dann passiert das, was ich vorhin erklärt habe, da geht der Körper dann an die Strukturproteine, um irgendwie Energie herzustellen und das kann ganz viele unterschiedliche Befindlichkeitsstörungen auslösen, die man nicht erklären kann6.


Aber die erste Herausforderung ist überhaupt erst einmal über Themen wie Stressresilienz zu sprechen – und gerade Männer sprechen sehr selten, ein Mann will nicht so gern eingestehen, dass er Probleme hat. Da ist die Sensibilität für das Thema Gesundheit bei Frauen viel größer. 

Und das ist ein echtes Problem, ich versuche das gerade Männern immer zu erklären: Das ist so, als wenn du Auto fährst, da sind am Anfang auch nur kleine Probleme, aber das kumuliert sich, das wird größer und größer und du fährst mit schlechtem Benzin und bleibst irgendwann stehen. Und beim Körper ist das genauso. Erhält dieser nicht die Bausteine, die er benötigt, dann ist er irgendwann nicht mehr in der Lage, die Leistung zu bringen, die wir uns wünschen.

Gerade die Stressproblematik ist ein Thema, das man nicht einfach hinnehmen muss, da es viel neue Forschung gibt. Da kann man auch präzise messen, wir können über Cortisolmessungen per Speicheltest und HRV, also Messungen der Herzfrequenz, die Stressbelastung der Menschen messen. 

Es gibt auch einen neuen Parameter, das ist der BDNF – Brain-Derived Neurotrophic Factor. Das ist ein Blutparameter, der – und das hört sich jetzt sehr kompliziert an – die neuronale Plastizität des Gehirns widerspiegelt, also die Fähigkeit, neuronale Strukturen umzuorganisieren, um sich anzupassen, um Prozesse zu optimieren. Und es gibt interessante Studien, die diesen Faktor messen und untersuchen, inwieweit die gezielte Gabe fehlender Mikronährstoffe wie bspw. Magnesium zu einer besseren Stressresilienz führt7.


Das ist natürlich hochkomplex und sehr spezifisch, nicht einfach nach dem Motto „Du nimmst ein bisschen Magnesium und alles wird gut!“ Das wäre Quatsch! Man muss genau prüfen, was fehlt, und dann kann man überlegen, wie man das spezifisch mit Supplementen regulieren kann. 

Aber das ist ein viel allgemeineres Problem. Ich habe mal eine Fernsehsendung zum Thema Pillenschwindel gedreht. Denn das ist ziemlich brutal: Viele Menschen nehmen eine ganze Reihe von Präparaten und wissen gar nicht genau, was sie tun. Das ist völlig falsch. Dieses Willkürliche, das sehe ich oft auch bei meinen Patienten, die zu mir kommen und mir 20 verschiedene Pillen hinlegen. Da muss ich immer gegensteuern und fragen: Was machen Sie denn eigentlich? Machen Sie es gezielt, dann ist es auch notwendig, aber doch nicht alles querfeldein! 

Ich muss da einfach noch mal betonen: Mikronährstofftherapie heißt ja nicht einfach, hier ein bisschen Zink, hier ein bisschen Selen! Nein, es geht um die komplexe synergetische Zufuhr verschiedener Substanzen, um eine Normalisierung und Harmonisierung des Stoffwechsels zu erreichen. Wir dürfen nicht nur eine Symptombekämpfung vornehmen, sondern müssen anfangen, wirklich die Problemlösung zu suchen, denn der Körper kann sich in vielen Fällen selbst regulieren, wenn er das bekommt, was er braucht.

Und das ist ein ganz wesentlicher Aspekt, der in immer mehr Fachbereichen Gehör findet, und das ist auch gut so. Gerade im Bereich der Zahnimplantologie gibt es da aktuell interessante Entwicklungen, und das ist nur ein Beispiel von vielen. 

Es gab auch eine Studie in der Schweiz, da sind 1500 Patienten in den Krankenhäusern untersucht worden bezüglich des Mikronährstoffstatus. Zwar nicht so, wie ich es mir wünschen würde, auf der zellulären Ebene, aber man hat es wenigstens mal gemacht und geschaut, wie sich das auf die Aufenthaltsdauer in den Krankenhäusern ausgewirkt hat, also auf Heilungs- oder auch Entzündungsprozesse nach einer OP, auch das ist hochinteressant.

„Wenn der Mensch über längere Zeiträume keine ausreichende Energiezufuhr hat, also zu wenig ATP, dann können verschiedene Organstrukturen nicht mehr optimal arbeiten. […] Das kann ganz viele unterschiedliche Befindlichkeitsstörungen auslösen, die man nicht erklären kann.“

Stress, Regeneration und Mikronährstoffstatus

4. Als ehemaliger Leistungssportler und Trainer kennen Sie die Auswirkungen von Belastung und Regeneration gut. Welche Rolle spielen Stress, Übertraining oder Schlafmangel im Zusammenspiel mit dem Hormonhaushalt und der Mikronährstoffversorgung?

Prof. Dr. Wienecke: Das ist ein ganz ganz wichtiges Thema, ich selbst habe ja leider nicht die Profizeit als Fußballer genießen dürfen, weil ich schon mit 19 Jahren Sportinvalide war, aber das war auch der Anlass für mich damals in Köln an der Sporthochschule zu studieren. Ich wollte einfach wissen, warum ich eigentlich immer wieder so schwere Verletzungen hatte, alles ohne Fremdeinwirkungen, sondern eben Überlastungsreaktionen des Sehnenbandapparates. Und da ist Ernährung natürlich ein Faktor! Damals aber, vor 30 Jahren, war ich die größte Naschkatze. Ich habe zum Mittag so eine ganze, große Marabou-Tafel Schokolade gegessen und die hat gut geschmeckt. Aber die hat natürlich Auswirkungen auf den Stoffwechsel gehabt und zwar in einem Maße, das damals eben noch gar nicht bekannt war. Da ist man heute viel weiter und wenn Sie mal das recherchieren, was wir gemacht haben, Leistungs- und Spitzensportler betreut, darunter auch Olympiasieger, Weltmeister, Europameister in allen Sportarten – die sind alle schon bei uns gewesen. Es lohnt bei jeder Sportart hinzuschauen und zu fragen: Wo ist da eigentlich der Knackpunkt bei der Mikronährstoffversorgung? Das ist unglaublich wichtig, auch für die Verletzungsprävention!8 Und dann kommt natürlich noch ein wichtiger Aspekt dazu, nämlich die Individualität: Jeder Mensch ist sehr anders, das ist die sogenannte biochemische Individualität des Menschen. Deswegen kann ich auch nicht mit Standarddosierungen arbeiten, sondern muss immer individuell schauen: Was sind die zellulären Voraussetzungen jedes Einzelnen? Wie verstoffwechselt er das Ganze? Und dann kann ich konkret im Einzelfall entscheiden!


Und apropos verstoffwechseln: Das ist auch ein ganz wichtiges Thema. Viele wissen zum Beispiel gar nicht, dass Omega-3 immer mit einer fettreichen Mahlzeit zugeführt werden muss. Oder Vitamin D, das wird morgens oft nüchtern eingenommen, und das hilft dann leider gar nicht. Das gilt für eine ganze Gruppe an Vitaminen wie A, D, E, K – das sind fettlösliche Vitamine und die sollten immer mit einer fettreichen Mahlzeit zugeführt werden. 

Wenn man das nicht macht, dann hat man keine Veränderung. Oder nehmen wir ein anderes Beispiel, Magnesium und Eisen, das geht gar nicht. Magnesium und Eisen heben sich in der Wirkung auf. Ganz ähnlich ist das bei Zink und Kupfer. Da gibt es also viele biochemische Reaktionsmechanismen, die man kennen muss und genau das versuche ich ja in dem Studium den Therapeuten auch beizubringen, damit sie lernen, wie sie das dem Endverbraucher beibringen können.

Side Fact: Warum Serum-/Plasmawerte allein oft nicht reichen

Serum- bzw. Plasmakonzentrationen von Mikronährstoffen spiegeln nicht in jedem Fall zuverlässig die Versorgung im Gewebe oder in Zellen wider. Besonders bei Entzündung/Erkrankung können Blutspiegel sinken oder steigen, ohne dass dies automatisch eine echte Unterversorgung oder ausreichende Versorgung im Gewebe bedeutet. Deshalb empfehlen Fachpublikationen, Blutwerte immer im Kontext (z. B. Entzündungsmarker) zu interpretieren und – je nach Fragestellung – zusätzliche funktionelle oder zelluläre Marker zu berücksichtigen.

Quelle: Berger, M. M., Shenkin, A., Schweinlin, A., et al. (2022). ESPEN micronutrient guideline. Clinical Nutrition, 41(6), 1357–1424. 

Link: https://www.clinicalnutritionjournal.com/article/S0261-5614(22)00351-X/abstract 

Chancen und Grenzen von Supplementen

5. Wo sehen Sie das Potenzial, aber auch die Grenzen von Nahrungsergänzungsmitteln – im Rahmen ihrer zugelassenen Wirkungen - zur Unterstützung der normalen Körper- und Stoffwechselfunktionen bei Männern?

Prof. Dr. Wienecke: Das Potential ist enorm – aber man darf auch keine Wunder erwarten, vor allem nicht ohne intensive Beschäftigung mit dem Thema. Nehmen wir an, man nimmt irgendein Multivitaminpräparat, das wird dann häufig von der therapeutischen Form bei Männern, die schon größere Befindlichkeitsstörungen mitbringen, nicht ausreichen, um den Körper in eine Regulation zu führen. 

Magnesium sollte beispielsweise nicht nur abends, sondern über den Tag verteilt eingenommen werden. Eine Dosierung von beispielsweise 150 mg morgens, mittags und abends sorgt für eine kontinuierliche Detonisierung, sprich, die Anspannung wird über den gesamten Tag reduziert. Daher ist für die Entspannung nicht nur die Zufuhr von Mikronährstoffen vor dem Schlafengehen wichtig, sondern die durchgängige Versorgung zur allgemeinen Beruhigung.

Vorsicht ist bei der Einnahme von Medikamenten wichtig. Gerade wenn jemand beispielsweise ein Antidepressivum oder ein Antiepileptikum nimmt, da muss man natürlich aufpassen mit allem, was die Neurotransmission beeinflussen kann, damit es keine Überreaktion gibt. 

Diese unterstützenden Vitamine, Spurenelemente und Aminosäuren sind wichtig. Liegen jedoch bestimmte Grunderkrankungen oder eine bereits bestehende Medikation vor, ist Vorsicht geboten: Die Zufuhr darf nicht in zu hohen Dosierungen erfolgen, da dies andernfalls kontraproduktiv wirken könnte.

Und deswegen kommt beim Thema Mikronährstoffe auch häufig Kritik von der Medizin, weil viele einfach willkürlich alles einnehmen. Und da muss ich ehrlich sagen, das ist teilweise gerechtfertigt, weil der Endverbraucher oft nicht gut informiert ist und mit falschen Präparaten auch Schaden anrichten kann. Ich gebe dazu mal ein kleines Beispiel, nämlich jodhaltige Multivitamintabletten mit über 150 bis 200 Mikrogramm Jod, das sollte man nicht einnehmen, ohne seine Schilddrüsenwerte zu kennen.

Ein weiteres oft zitiertes Beispiel ist Vitamin D, das derzeit einen regelrechten Hype erlebt. Viele Anwender nehmen hier teilweise Dosen von 6000, 7000 Einheiten oder sogar mehr zu sich, was problematisch sein kann. Insbesondere die Einnahme solch hoher Vitamin-D-Mengen am Abend kann zu Schlafstörungen führen. Bei Personen mit einer vorbestehenden Schilddrüsenproblematik kann diese Überdosierung sogar das gesamte vegetative Nervensystem dysregulieren. Die ursprünglich positive Absicht verkehrt sich in diesen Fällen ins genaue Gegenteil.

Und auch hier sind es, das muss ich leider sagen, gerade Männer, die auf solche Zusammenhänge zu wenig achten. Das machen Frauen oft viel gezielter. 

Und das ist auch immer mein Appell an die Patienten und auch an die Therapeuten, die den Patienten helfen wollen. Sie müssen sich mit dem Thema auseinandersetzen, messen und dann immer individuell entscheiden: Was kann ich tun? Wie kann ich das machen? Und beim “wie” bin ich völlig neutral. Das sage ich auch meinen Patienten: Mir ist das egal, was Sie nehmen. Ich kann nur messen und eine Empfehlung geben. Das, was fehlt, können Sie zuführen. Wie Sie das machen, ist mir völlig egal – und das ist auch wichtig, denn sonst wäre ich ja extrem angreifbar.

Mir geht es um die Sache der Mikronährstoffe und da gibt es viele gute Produkte in Deutschland, damit muss sich jeder Einzelne selbst auseinandersetzen. Das verlange ich auch von meinen Studierenden, da lasse ich jeden ein Produkt aussuchen, um das nach wissenschaftlichen Kriterien zu bearbeiten: Ist das so haltbar, was dort propagiert wird oder sollte man davon Abstand nehmen? Da muss man in der Lage sein, das kritisch zu reflektieren.

Side Fact: Veränderte Nährstoffdichte in Lebensmitteln
Fachliteratur weist darauf hin, dass die Konzentration bestimmter Mikronährstoffe in einigen Obst- und Gemüsesorten im Zuge moderner landwirtschaftlicher Entwicklungen zurückgegangen ist. Als mögliche Ursachen werden unter anderem Hochleistungszüchtungen mit Fokus auf Ertrag und Widerstandsfähigkeit sowie Veränderungen der Bodenbeschaffenheit diskutiert. Dies unterstreicht die Bedeutung einer bewussten Auswahl nährstoffreicher Lebensmittel für die tägliche Versorgung.

Quelle: Wienecke, E. (2021). Mikronährstoffe. Meilensteine der Gesundheitsmedizin. Meyer & Meyer Verlag, Kap. 2.1.

Blick in die Forschung: Mikronährstoffe und Männergesundheit

6. Welche Forschungsergebnisse oder Entwicklungen im Bereich Mikronährstoffe und Männergesundheit verfolgen Sie aktuell mit besonderem Interesse?

Prof. Dr. Wienecke: Für mich liegt das Hauptinteresse in der demografischen Entwicklung, wir werden ja alle älter und wir haben damit auch immer mehr Menschen, die Erkrankungen haben und die aufgrund dessen eine sogenannte Multimedikation vornehmen. Wir wissen durch Statistiken, dass jeder zweite bis dritte Mann in Deutschland, der älter als 50 Jahre alt ist, mindestens drei bis vier Medikamente pro Tag nimmt9.


Und da frage ich mich: Was bedeutet das für die Versorgung mit Mikronährstoffen? Also wenn sie zum Beispiel gewisse Blutdrucksenker nehmen, die harntreibend wirken, also eine vermehrte Ausscheidung über die Niere bewirken. Das ist jetzt nur ein Beispiel, es gibt da viele Mechanismen, die eine Rolle spielen. 

Dazu bin ich ja von Haus aus Sportwissenschaftler und da interessiert mich natürlich alles, was mit Leistungs- und Hochleistungssport zu tun hat. Da zählt nur Erfolg, Goldmedaille oder nicht Goldmedaille. Aber mir geht es gar nicht nur um die Goldmedaillen – die haben wir natürlich, da haben wir viele Sportler in allen Sportarten sehr erfolgreich betreut. Aber es geht auch um die Gesunderhaltung der Sportler. Denn gerade im Spitzensport arbeitet man immer unter Grenzbelastung und das bedeutet immer einen wahnsinnig hohen Mikronährstoffbedarf, den wir decken müssen. Ich bin gerade dabei, ein neues Buch zu schreiben: Mikronährstofftherapie und Regulationsmedizin im Leistungs- und Spitzensport. Da schaue ich mir natürlich alles an, was die aktuelle Forschung zu bieten hat. Und die Erkenntnisse, wie man Sportler gesund hält und wie sie automatisch die Leistung abrufen können, die kann man dann natürlich auch auf Nicht-Leistungssportler, also normale Menschen, übertragen. 

Das ist ähnlich wie in der Formel 1. Da hat man immer neue und bessere Motoren entwickelt und irgendwann konnte man diese Technik dann auch in ganz normale PKWs einbauen. Oder nehmen Sie die Raumfahrt, da kommt plötzlich die Deutsche Mundgesundheitsstiftung zu uns und sagt: Wir brauchen Hilfe für unsere Astronauten, weil sie ein paar Monate im All sein werden. Und da oben im All in Schwerelosigkeit, müssen sie jeden Tag trainieren, mindestens eine Dreiviertelstunde, sonst gibt es Muskelverluste – Sarkopenie heißt das in der Fachsprache. Für dieses Training brauchen sie natürlich mehr Energie und eine optimale Versorgung mit Mikronährstoffen und da stellt sich die Frage, wie man das am besten macht. 

„Mikronährstofftherapie heißt ja nicht einfach, hier ein bisschen Zink, hier ein bisschen Selen! Nein, es geht um die komplexe synergetische Zufuhr verschiedener Substanzen, um eine Normalisierung und Harmonisierung des Stoffwechsels zu erreichen.“

Hinweis: Dieses Interview dient ausschließlich der allgemeinen Information. Die dargestellten Einschätzungen und Aussagen geben die persönliche wissenschaftliche Meinung sowie die klinische Erfahrung der interviewten Expertin bzw. des interviewten Experten wieder und basieren unter anderem auf deren eigener Forschung.

Die Inhalte stellen keine im Sinne der EU-Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 zugelassenen Health Claims dar und sind nicht als Aussagen zur Prävention, Behandlung oder Heilung von Krankheiten zu verstehen.

Das Interview ersetzt keine individuelle medizinische Beratung. Bei gesundheitlichen Fragen wenden Sie sich bitte an medizinisches Fachpersonal.

1. Wienecke, E., Gruenwald, J. Nutritional supplementation: Is it necessary for everybody?. Adv Therapy 24, 1126–1135 (2007).https://doi.org/10.1007/BF02877718.

2. Elmar Wienecke: Mikronährstoffe. Meilensteine der Gesundheitsmedizin. Meyer & Meyer 2021, Kap. 2.1.

3. Elmar Wienecke: Die Schilddrüse als Regulator der „inneren Balance“. In: Schriftenreihe der FHM, Bielefeld (Heft 12) „Meilensteine in der Gesundheitsmedizin“, 2020, S. 36-55. https://www.kingnature.de/content/uploads/Schriftenreihe_12_web.pdf#page=37

4. Vertiefend dazu: Elmar Wienecke: Mikronährstoffe. Meilensteine der Gesundheitsmedizin. Meyer & Meyer 2021, Kap 5.1.

5. Vertiefend dazu: Elmar Wienecke: Leistungsexplosion im Sport. Ein Anti-Doping-Konzept. Meyer & Meyer 2011, Kap. 4.3

6. Elmar Wienecke: Mikronährstoffe. Meilensteine der Gesundheitsmedizin. Meyer & Meyer 2021, Kap. 2.1.

7. Wienecke, E., Nolden, C. Langzeit-HRV-Analyse zeigt Stressreduktion durch Magnesiumzufuhr. MMW - Fortschritte der Medizin 158 (Suppl 6), 12–16 (2016). https://doi.org/10.1007/s15006-016-9054-7

8. Elmar Wienecke: Active Living With an Optimal Micronutrient Supply for Young Athletes: Energy by Recipe. Global Journal of Health & Physical Education Pedagogy, 3(2).

9. Elmar Wienecke: Mikronährstoffe. Meilensteine der Gesundheitsmedizin. Meyer & Meyer 2021, Kap 1.1.

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Prof. Dr. Elmar Wienecke

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