Epigenetik verstehen: Wie unser Lebensstil die Aktivität unserer Gene beeinflusst
Dr. Reiner Kraft
1. Sie beschäftigen sich intensiv mit funktioneller Epigenetik. Welche Rolle spielt die epigenetische Regulation für das natürliche Altern – und welche Faktoren können dazu beitragen, günstige Bedingungen für normale Zellfunktionen zu schaffen? Und wie ergänzt die funktionelle Epigenetik aus Ihrer Sicht die klassische medizinische Diagnostik?
Dr. Reiner Kraft: Die epigenetische Regulation ist einer der zentralen Mechanismen, die darüber entscheiden, wie schnell oder wie gesund wir altern. Während unsere Gene weitgehend stabil bleiben, verändert sich ihre Aktivität, also welche Programme in der Zelle aktiviert oder heruntergefahren werden. Das passiert kontinuierlich durch Umweltreize, Ernährung, Stress, Schlaf, Bewegung und biochemische Signale. Genau diese epigenetischen Schalter bestimmen, ob eine Zelle repariert, entzündet, regeneriert oder altert.
Günstige Bedingungen entstehen dann, wenn wir die biologischen Grundrhythmen und die benötigten Cofaktoren der Zelle unterstützen: stabile Energieproduktion in den Mitochondrien, ausreichende Mikronährstoffe für Methylierung (Aktivitätsregulierung eines Moleküls über das Anhängen einer Methylgruppe) und Redoxbalance (zelluläres Gleichgewicht), funktionierende Entgiftungswege, eine intakte Darmbarriere sowie ein Nervensystem, das Stress nicht chronisch hochreguliert. All diese Faktoren modulieren epigenetische Muster – teilweise innerhalb von Stunden.
Die funktionelle Epigenetik ergänzt die klassische Diagnostik entscheidend, weil sie nicht nur misst, was passiert, sondern auch warum. Klassische Medizin liefert Momentaufnahmen: Laborwerte, Bildgebung, Symptome. Die funktionelle Epigenetik dagegen betrachtet die zugrunde liegenden Regulationsachsen: Methylierung, Redox, Entzündung, Stoffwechsel und Immunbalance. Dabei erkennt sie Muster, die oft Jahre vor klinischen Befunden sichtbar werden. Damit wird es möglich, frühzeitig zu intervenieren und Bedingungen zu schaffen, unter denen Zellen wieder in einen physiologisch gesunden Regulationsmodus zurückkehren.
Kurz gesagt: Gene sind die Hardware – die Epigenetik ist das Betriebssystem (die „Software“). Und funktionelle Epigenetik hilft uns zu verstehen, wie wir dieses Betriebssystem durch messbare Faktoren so unterstützen können, dass Gesundheit, Energie und Langlebigkeit nicht dem Zufall überlassen bleiben, sondern aktiv gestaltet werden.
„Während unsere Gene weitgehend stabil bleiben, verändert sich ihre Aktivität, also welche Programme in der Zelle aktiviert oder heruntergefahren werden. […] Genau diese epigenetischen Schalter bestimmen, ob eine Zelle repariert, entzündet, regeneriert oder altert.“
Side Fact: Epigenetik beim Menschen
Beim Menschen beschreibt Epigenetik reversible Veränderungen der Genaktivität, die nicht die DNA-Sequenz selbst verändern. Zentrale Mechanismen sind DNA-Methylierung und Histon-Modifikationen. Humanstudien zeigen, dass Faktoren wie Ernährung, Stress, Schlaf, Bewegung und Umweltbelastungen epigenetische Muster beeinflussen können und damit an der Regulation normaler Zellfunktionen beteiligt sind.
Quelle:
Fraga MF et al. Epigenetic differences arise during the lifetime of monozygotic twins. Proc Natl Acad Sci USA. 2005.
Biologisches vs. chronologisches Alter: Was moderne Analysen heute zeigen können
2. Ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit liegt auf der Analyse des biologischen Alters. Welche Messgrößen geben sinnvolle Hinweise darauf, wie der Körper auf Belastungen reagiert – und wie lassen sich solche Daten im Alltag nutzen, um langfristig auf die eigene Gesundheit zu achten?
Dr. Reiner Kraft: Das biologische Alter ist im Grunde ein Abbild der Frage: Wie gut gelingt es dem Körper, auf Belastungen zu reagieren und danach in einen Zustand funktioneller Balance zurückzukehren? Dafür gibt es mehrere Messgrößen, die sich in der Praxis besonders bewährt haben.
- Redox- und Entzündungsmarker: Wie schnell der Körper oxidativen Stress abbaut und Entzündungsprozesse herunterreguliert, ist ein zentraler Hinweis auf zelluläre Resilienz. Marker wie oxidierter DNA-Schaden, antioxidative Kapazität oder CRP-Dynamiken (CRP = spezieller Entzündungsmarker) zeigen, wie stabil die inneren Reparaturprogramme laufen.
- Mitochondriale Leistungsfähigkeit: Mitochondrien reagieren unmittelbar auf Belastung. ATP-Produktion (Energieproduktion), Laktatdynamik (Veränderung der zellulären Laktatkonzentration), NAD⁺-Status (u. a. Anzeichen für Zellregeneration) oder funktionelle Scores wie BHI (bioenergetischer Gesundheitsindex) zeigen, ob Zellen effizient Energie bereitstellen. Ein entscheidender Faktor für gesundes Altern.
- Stress- und Regenerationsindikatoren: HRV (Herzratenvariabilität) ist hier am aussagekräftigsten. Sie zeigt, wie flexibel das autonome Nervensystem auf Anforderungen reagiert. Eine stabile, hohe HRV bedeutet: Der Körper kommt schnell vom „Fight-or-Flight“ zurück in die Regeneration.
- Belastungsreaktion des Stoffwechsels: Glukosevariabilität (Schwankungen des Blutglukosespiegels), Insulinsensitivität (Reaktion auf Insulin) oder Fettsäureprofil verraten, wie gut der Körper Energiequellen wechselt und mit Alltagsstressoren umgeht. Je stabiler diese Achsen, desto „jünger“ erscheint der Stoffwechsel funktionell.
- Epigenetische Marker: Sie spiegeln, wie das System langfristig auf Umwelt, Lifestyle und Stress reagiert. Epigenetische Alterstests können Trends zeigen – insbesondere in Kombination mit funktionellen Biomarkern.
Entscheidend ist nicht die Einzelmessung, sondern die Trendbeobachtung:
- HRV täglich: Frühwarnsystem für Überlastung, Schlafmangel, Stress.
- Glukosedynamik und Energielevel: Hinweise auf Ernährung, Regeneration und metabolische Flexibilität.
- Mikronährstoff- und Redoxstatus (z. B. durch funktionelle Messungen wie Laserspektroskopie): Grundlage, um gezielt Cofaktoren zu ergänzen.
- Regelmäßige funktionelle Labordaten: Quartalsweise Updates für mitochondriale und entzündliche Achsen.
Durch diese Daten entsteht ein persönliches Feedback-System: Der Körper „spricht“ und wir können erkennen, welche Gewohnheiten ihn stärken und welche ihn belasten. Genau darin liegt der Wert der funktionellen Longevity: Nicht warten, bis Alterungsprozesse sichtbar werden, sondern früh verstehen, in welche Richtung sich der Organismus entwickelt – und rechtzeitig gegensteuern.
„Das biologische Alter ist im Grunde ein Abbild der Frage: Wie gut gelingt es dem Körper, auf Belastungen zu reagieren und danach in einen Zustand funktioneller Balance zurückzukehren? […] Genau darin liegt der Wert der funktionellen Longevity: Nicht warten, bis Alterungsprozesse sichtbar werden, sondern früh verstehen, in welche Richtung sich der Organismus entwickelt – und rechtzeitig gegensteuern.“
Side Fact: Biologisches Alter
Das chronologische Alter beschreibt die Lebensjahre, während das biologische Alter den funktionellen Zustand zellulärer und regulatorischer Prozesse widerspiegelt. Studien am Menschen zeigen, dass Marker wie Entzündungsstatus, metabolische Parameter und epigenetische Muster stärker mit Morbidität und Mortalität assoziiert sind als das Lebensalter allein.
Quelle:
Jylhävä J, Pedersen NL, Hägg S. Biological Age Predictors. EBioMedicine. 2017.
Mitochondrien & Energie: Warum die „Kraftwerke der Zellen“ im Longevity-Kontext so relevant sind
3. Die mitochondriale Funktion gilt in der Epigenetik und Longevity-Forschung als wichtiger Faktor für Energie und Vitalität. Wie können Menschen im Alltag dazu beitragen, ihre normalen Energieprozesse zu unterstützen, ohne in die Falle schneller „Biohacking-Tricks“ zu tappen?
Dr. Reiner Kraft: Mitochondrien reagieren nicht auf schnelle Tricks, sondern auf die Qualität unseres Alltags. Die wichtigsten Hebel sind erstaunlich grundlegend: guter Schlaf, stabile Glukosewerte, regelmäßige Bewegung und echte Erholungsphasen für das Nervensystem. Auch eine ausgewogene Mikronährstoffversorgung – über die Ernährung und unter Berücksichtigung der individuellen Situation ggf. zusätzlich ergänzend über ein Supplement – können die natürlichen Energieprozesse unterstützen, ohne sie künstlich zu pushen. Entscheidend ist die Kontinuität, nicht die Intensität. Wer kleine, verlässliche Routinen etabliert, schafft ein biologisches Umfeld, in dem Mitochondrien langfristig leistungsfähig bleiben – ganz ohne die Illusion schneller Biohacks.
Side Fact: Mitochondrien und Alterungsprozesse beim Menschen
Mitochondrien sind beim Menschen nicht nur für die Energieproduktion verantwortlich, sondern auch an Redoxregulation, Immunantwort und zellulärer Stressverarbeitung beteiligt. Eine eingeschränkte mitochondriale Funktion wird mit verminderter körperlicher Leistungsfähigkeit, erhöhter Entzündungsaktivität und altersassoziierten Funktionsveränderungen in Verbindung gebracht.
Quelle:
Picard, M., & McEwen, B. S. (2018). Psychological Stress and Mitochondria: A Conceptual Framework. Psychosomatic Medicine, 80(2), 126–140.
Individuelle Mikronährstoffversorgung: Was sich wissenschaftlich gut abbilden lässt
4. Viele Menschen interessieren sich für Mikronährstoffe. Welche Vitamine und Mineralstoffe können – im Rahmen ihrer zugelassenen Wirkungen – normale Körperprozesse wie Energiestoffwechsel, Zellschutz oder das Immunsystem unterstützen? Und welche Rolle spielt eine individualisierte Analyse dabei?
Dr. Reiner Kraft: Mikronährstoffe interessieren viele. Bevor wir aber über Vitamine und Mineralstoffe sprechen, braucht der Körper etwas Grundlegenderes: eine stabile Basis über eine nährstoffreiche Ernährung für gesunde Zellmembranen. Sie liefert wichtige Bausteine für vielfältige Stoffwechselprozesse im Körper.
Zellen funktionieren nur so gut wie ihre Membranen. Und diese bestehen vor allem aus hochwertigen Fetten, Phospholipiden, Proteinen, Aminosäuren und Nukleotiden. Ohne diese strukturellen Bausteine können Mikronährstoffe ihre normalen physiologischen Rollen nicht optimal erfüllen. Deshalb steht eine gute Versorgung mit gesunden Ölen, Omega-3, Phosphatidylcholin, ausreichend Protein – und oft übersehenen Nukleotiden – immer am Anfang. Erst dann lässt sich der Stoffwechsel zuverlässig unterstützen. Und erst auf dieser Basis entfalten Vitamine und Mineralstoffe ihre zugelassenen Wirkungen:
- B-Vitamine wie B1, B2, B3, B6 und Vitamin B12, Magnesium und Eisen tragen zu einem normalen Energiestoffwechsel bei.
- Vitamin C, Vitamin E, Selen und Zink tragen zum Schutz der Zellen vor oxidativem Stress bei.
- Vitamin D, Zink, Selen und B-Vitamine wie Vitamin B6 tragen zu einer normalen Funktion des Immunsystems bei.
Doch der Bedarf ist individuell. Ernährung, Stress, Schlaf, Darmfunktion und Genetik beeinflussen, wo Engpässe entstehen. Eine individualisierte Analyse, von Mikronährstoffen bis hin zu funktionellen Biomarkern, hilft zu erkennen, welche Bausteine wirklich fehlen – und in welcher Reihenfolge diese ggf. unter ärztlicher Kontrolle bei medizinischer Notwendigkeit und unter Berücksichtigung der individuellen Situation ergänzt werden sollten.
So entsteht statt eines pauschalen Vitamin-Cocktails ein strukturiertes Konzept: erst die Zellstruktur unterstützen und dann ggf. die Mikronährstoffe ergänzend einsetzen. Genau diese Kombination schafft jene Bedingungen, unter denen der Körper seine normalen Energie-, Schutz- und Reparaturprozesse optimal nutzen kann.
Epigenetische Belastungsfaktoren erkennen und gesundheitsfördernde Routinen etablieren
5. In Ihrer Praxis arbeiten Sie viel mit Stress-, Umwelt- und Lifestyle-Daten. Welche Alltagsfaktoren beeinflussen epigenetische Mechanismen besonders stark und mit welchen einfachen ersten Schritten lässt sich eine gesunde Balance unterstützen?
Dr. Reiner Kraft: Epigenetische Mechanismen reagieren sehr sensibel auf unseren Alltag. Schlafqualität, Ernährung, Stress, Bewegung, Licht und Umweltfaktoren senden ständig Signale an unsere Zellen und beeinflussen, welche Gene aktiv sind. Damit entscheidet der Alltag oft stärker über biologisches Altern als die Genetik selbst.
Zu den stärksten Einflussfaktoren gehören vor allem Schlaf und ein stabiler Tagesrhythmus, die Ernährung und Glukosestabilität, der Umgang mit Stress, unsere Umweltbelastung sowie die Qualität der mitochondrialen Energieproduktion: Diese Bereiche formen das zelluläre Milieu, in dem epigenetische Regulation stattfindet. Wichtig ist dabei die Basistherapie: Hochwertige Fette und Öle, Phospholipide, Proteine, Aminosäuren und Nukleotide bilden die strukturellen Bausteine für gesunde Zellmembranen. Das hatte ich bereits erwähnt. Ohne diese Grundlage können Zellen ihre normalen Reparatur- und Regulationsprogramme nicht stabil ausführen.
Für den Alltag helfen einfache Schritte: regelmäßiger Schlaf, morgendliches Tageslicht, kurze Atem- und Achtsamkeitspausen, eine Ernährung mit wenig Blutzuckerschwankungen, tägliche moderate Bewegung und eine bewusste Reduktion unnötiger Umweltbelastungen. Kleine, konsistente Entscheidungen schaffen ein Umfeld, in dem epigenetische Prozesse wieder in Balance kommen können.
Funktionelle Diagnostik als Wegweiser: Wie Daten helfen, Prioritäten zu setzen
6. Sie nutzen funktionelle Analysen, um individuelle Muster sichtbar zu machen. Welche Art von Ergebnissen liefert diese Diagnostik und wo sehen Sie die Grenzen – also Bereiche, in denen weiterhin klar die klassische medizinische Diagnostik gefragt ist? Wie können Menschen diese Informationen nutzen, um gezielt an normaler Regeneration, Energieproduktion oder zellulären Prozessen zu arbeiten?
Dr. Reiner Kraft: Funktionelle Analysen liefern keine Diagnosen, aber sie machen sichtbar, wie gut grundlegende biologische Prozesse im Alltag funktionieren. Wir sehen zum Beispiel, wie stabil der Energiestoffwechsel arbeitet, wie die Redox-Balance aussieht, wie das Nervensystem auf Stress reagiert oder ob die Versorgung mit wichtigen Mikronährstoffen ausreichend ist. Solche Daten helfen, Muster zu erkennen, die erklären, warum Menschen sich erschöpft fühlen, schlechter regenerieren oder weniger belastbar sind, ohne dass eine medizinische Erkrankung vorliegt.
Die Grenzen sind dabei klar. Sobald es um Krankheiten, pathologische Befunde oder therapeutische Entscheidungen geht, gehört die klassische medizinische Diagnostik an die erste Stelle, inklusive Labor, Bildgebung und fachärztlicher Abklärung. Funktionelle Analysen ersetzen das nicht, sie ergänzen es. Sie zeigen nicht Krankheitsbilder, sondern Funktionszustände.
Der Nutzen für den Alltag liegt darin, dass Menschen auf Basis dieser Informationen gezielt an normalen Körperfunktionen arbeiten können. Dazu gehört, die Grundlage für stabile Zellprozesse zu schaffen. Wir beginnen immer wie gesagt mit einer Basistherapie, also mit einer Ernährung, die reich an gesunden Fetten und Phospholipiden für die Zellmembranen ist sowie ausreichend Proteine, Aminosäuren und Nukleotide als strukturellen Bausteinen liefert – ggf. nach ärztlicher Rücksprache und bei medizinischer Notwendigkeit ergänzt über ein entsprechendes Supplement. Erst, wenn diese Grundlage steht, können Mikronährstoffe ihre zugelassenen Wirkungen entfalten, etwa im Rahmen des normalen Energiestoffwechsels, des Immunsystems oder des Zellschutzes.
Funktionelle Daten helfen dann, Entscheidungen zu treffen. Ist der Schlaf wirklich erholsam? Reagiert das Nervensystem flexibel genug? Gibt es Hinweise, dass bestimmte Mikronährstoffe für normale Stoffwechselprozesse verstärkt benötigt werden? Menschen können ihre Routinen, Ernährung, Regenerationsfenster und Belastungsdosierung anpassen und beobachten, wie sich diese Parameter entwickeln.
So entsteht ein praktischer Vorteil. Die Diagnostik zeigt, wo der Körper Unterstützung für normale, gesunde Funktionen braucht, während die klassische Medizin sicherstellt, dass nichts übersehen wird, was einer ärztlichen Behandlung bedarf. In der Kombination entsteht ein sehr klarer, verantwortungsvoller Weg, um an Energie, Regeneration und zellulären Grundlagen zu arbeiten – ohne überzogene Versprechen, dafür mit messbarem Fortschritt.
Zukunft von Longevity: Welche Rolle personalisierte Ansätze künftig spielen könnten
7. Die Forschung rund um Epigenetik und Longevity entwickelt sich rasant. Welche wissenschaftlichen Entwicklungen oder technologischen Tools halten Sie derzeit für besonders vielversprechend, wenn es darum geht, Menschen bei der Erhaltung ihrer Vitalität zu unterstützen? Und worauf sollten Menschen achten, um Longevity-Strategien nicht als Ersatz für medizinische Behandlung zu verstehen?
Dr. Reiner Kraft: Die Forschung zu Epigenetik und Langlebigkeit macht enorme Fortschritte. Besonders spannend finde ich derzeit Technologien, die funktionelle Daten alltagstauglich machen. Wearables (mobile Geräte wie Fitnesstracker), kontinuierliche Stress- und Schlafanalysen, moderne Mikronährstoff-Screenings oder Tools zur Beurteilung mitochondrialer Funktion liefern heute Einblicke, die früher nur in spezialisierten Laboren möglich waren. Sie zeigen nicht Krankheiten, sondern Funktionszustände. Also, wie gut der Körper im Alltag reguliert, regeneriert und Energie bereitstellt.
Genau hier setzt unser Ansatz mit EVER (mein Health-Tech-Start-up) an. Wir verstehen Longevity als eine Art „Betriebssystem“, das verschiedene Datenströme zusammenführt. Statt nur Einzelfaktoren zu messen, kombinieren wir Informationen aus Schlaf, Stress, Ernährung, Mikronährstoffversorgung, mitochondrialer Aktivität und Umweltbelastungen zu einem klaren Bild. Man könnte sagen: Wir schaffen ein Longevity OS (OS = Operating System), das Menschen hilft zu verstehen, welche alltäglichen Entscheidungen ihre Vitalität unterstützen und wo sie gegensteuern können. Dieses integrierte Denken wird in den nächsten Jahren ein zentraler Fortschritt sein, weil es Komplexität reduziert und Handlungskompetenz schafft.
Trotz aller technologischen Möglichkeiten bleibt aber eine wichtige Grenze bestehen. Longevity-Strategien ersetzen weder Diagnostik noch Behandlung. Wenn Symptome auftreten, Laborwerte auffällig sind oder Verdacht auf eine Erkrankung besteht, ist die klassische Medizin unverzichtbar. Funktionelle Tools liefern Frühindikatoren und Orientierung, aber sie dürfen niemals den ärztlichen Blick ersetzen.
Die sinnvollste Perspektive ist deshalb eine Kombination: Technologie zur Selbstbeobachtung, funktionelle Analysen zur Mustererkennung und medizinische Diagnostik, sobald es um pathologische Fragestellungen geht. In diesem Dreiklang entsteht ein verantwortungsvoller Weg, Vitalität zu erhalten, ohne falsche Sicherheit zu vermitteln.
„Longevity-Strategien ersetzen weder Diagnostik noch Behandlung. […] Funktionelle Tools liefern Frühindikatoren und Orientierung, aber sie dürfen niemals den ärztlichen Blick ersetzen. Die sinnvollste Perspektive ist deshalb eine Kombination: Technologie zur Selbstbeobachtung, funktionelle Analysen zur Mustererkennung und medizinische Diagnostik, sobald es um pathologische Fragestellungen geht.“
Von Daten zu Alltag: Wie aus Erkenntnissen nachhaltige Gewohnheiten werden
8. Viele Menschen kennen heute ihre Tracking-Daten, aber die Umsetzung fällt schwer. Welche Strategien haben sich in Ihrer Arbeit bewährt, damit Menschen langfristig Verhaltensweisen etablieren, die ihre normalen Körper- und Stoffwechselfunktionen unterstützen?
Dr. Reiner Kraft: Viele Menschen sammeln heute beeindruckend viele Daten über sich selbst: Schlaf, Stress, Schritte, Herzfrequenz. Doch zwischen Wissen und Umsetzung liegt oft eine Lücke. In meiner Arbeit hat sich gezeigt, dass Veränderung dann gelingt, wenn Menschen nicht nur Daten sehen, sondern auch verstehen, wie sie diese im Alltag nutzen können und wenn die Erfahrung Spaß macht, statt Druck aufzubauen.
Der wichtigste Schritt ist, Verhaltensänderung in kleine, machbare Einheiten zu zerlegen. Die Biologie liebt Konsistenz, nicht Perfektion. Schon zehn Prozent bessere Schlafhygiene, ein stabilerer Rhythmus oder regelmäßige kleine Bewegungsimpulse können normale Stoffwechsel- und Regenerationsprozesse spürbar unterstützen. Menschen bleiben länger dran, wenn sie die Wirkung solcher Mini-Schritte direkt erleben.
Ebenfalls entscheidend ist ein System, das Feedback verständlich macht. Genau dafür haben wir die EVER App entwickelt. Sie übersetzt komplexe Longevity-Daten in klare, alltagsnahe Empfehlungen und nutzt Elemente der Gamification: tägliche Mikro-Challenges, Fortschrittsringe, Levels, Visualisierungen von Trends oder kleine „Wins“, die den Prozess spielerisch machen. Wenn Gesundheit als etwas erlebt wird, das Freude macht und anspornt, steigt die Wahrscheinlichkeit einer nachhaltigen Gewohnheitsbildung enorm.
Dabei geht es nicht darum, alles gleichzeitig umzusetzen. Menschen brauchen Orientierung, Struktur und eine Art roten Faden. Die App hilft dabei, Prioritäten zu setzen und zeigt, welche zwei oder drei Gewohnheiten die größte Wirkung auf normale Körper- und Stoffwechselfunktionen haben, etwa Schlaf, Zellmembran-Basistherapie oder Stresshygiene.
Der entscheidende Punkt: Verhalten ändert sich nicht allein durch Information, sondern durch erlebte Selbstwirksamkeit. Wenn jemand sieht, dass eine kleine Routine tatsächlich den eigenen Energieverlauf oder Schlafscore verbessert, entsteht Motivation von innen heraus. Genau dieses Prinzip nutzen wir, um Longevity nicht nur verständlich, sondern erlebbar zu machen.
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