Experteninterview: Ernährung und Nährstoffe im Longevity-Kontext
Dr. med. Christian Gersch
„Während sich die klassische Präventionsmedizin auf Risikofaktoren fokussiert, setzt die funktionelle Langlebigkeitsmedizin auf Optimierungen von Zellfunktionen, Stoffwechselwegen und hormonellen Regelkreisen mit dem Ziel, Vitalität und Lebensqualität bis ins hohe Alter zu erhalten – also insbesondere die Gesundheitsspanne auszudehnen.“
Die Grundlagen der funktionellen Langlebigkeitsmedizin
1. Was bedeutet für Sie ‚funktionelle Langlebigkeitsmedizin‘ und wie unterscheidet sie sich von klassischer Präventionsmedizin?
Die funktionelle Langlebigkeitsmedizin enthält auch Elemente der klassischen Präventionsmedizin, ist aber mehr ein indikativer Ansatz, weil es vor allem darum geht, in aktive biologische Prozesse des Alterns einzugreifen: Wenn eine bestimmte Maßnahme angewendet wird, muss diese auch individuell messbar und am besten auch spürbar sein.
Während sich die klassische Präventionsmedizin auf Risikofaktoren fokussiert, setzt die funktionelle Langlebigkeitsmedizin auf Optimierungen von Zellfunktionen, Stoffwechselwegen und hormonellen Regelkreisen mit dem Ziel, Vitalität und Lebensqualität bis ins hohe Alter zu erhalten – also insbesondere die Gesundheitsspanne auszudehnen.
„Ein großer Vorteil für mich als Arzt gegenüber theoretischen Wissenschaftlern ist, dass ich durch meine Patienten genau erfahre, welche Maßnahmen individuell funktionieren oder eben nicht.“
Warum Ernährung und Stoffwechsel so wichtig sind
2. Ernährung und Stoffwechsel gelten als Schlüsselfaktoren für Gesundheit und Vitalität. Welche Erkenntnisse aus der Forschung finden Sie dabei besonders spannend – und was bedeutet das im Alltag?
Die medizinische Forschung ist derart komplex, dass man nicht alle neuen Erkenntnisse detailliert erfassen kann. Ein großer Vorteil für mich als Arzt ist es, dass ich durch meine Patienten genau erfahre, welche Maßnahmen individuell funktionieren oder eben nicht. Viele „Nicht-Praktiker" im Longevity-Bereich, von Forschern über Influencer zu Hochschullehrern, haben dieses direkte Feedback nicht.
Insbesondere bei der Rücksprache mit meinen Patienten profitiere ich sehr davon, wenn sie mir Fragen stellen: Ich recherchiere, um die Antworten zu erhalten, da ich selbst nicht jedes Detail wissen kann. Dadurch bekomme ich einen großen Überblick darüber, was es gerade in der Forschung gibt. Zusätzlich erhalte ich wichtige Informationen über Kongresse.
Wenn sich in meiner Praxis herauskristallisiert, dass beispielsweise ein ernährungsmedizinischer Ansatz wie die metabolische Flexibilität – genauer gesagt die gelegentliche Trennung von Kohlenhydraten und Fetten – individuell gut funktioniert, also messbar ist, lässt sich dieser bei Bedarf unter Berücksichtigung der Gesamtsituation in den Praxisalltag integrieren.
„Während früher beispielsweise eine Blaubeere sehr klein war und einen extrem hohen Gehalt an Polyphenolen besaß, sind die heute gezüchteten Blaubeeren groß […]. Aus diesem Grund wird diskutiert, inwiefern entsprechende Nahrungsergänzungsmittel den empfohlenen Bedarf bei einer unzureichenden Aufnahme ergänzen können.“
Hormonbalance und Zellgesundheit im Laufe der Jahre
3. Im Laufe der Jahre verändert sich der Hormonhaushalt, ebenso wie viele Zellprozesse. Wie kann ein gesunder Lebensstil – ergänzt durch ausgewogene Ernährung und gezielte Nährstoffe im Rahmen ihrer zugelassenen Wirkungen – dazu beitragen, Körperfunktionen im Gleichgewicht zu halten?
In der Zeit der Jäger und Sammler, auf die wir alle zurückgehen, hatten die Personen einen völlig anderen Zugang zu Vitalstoffen: Zwar waren deutlich weniger Nahrungsmittel vorhanden, aber beispielsweise enthielten Beeren nennenswerte Mengen an Mikronährstoffen. Mittlerweile gibt es eine Landwirtschaft, die zwar viel mehr Menschen ernähren kann, allerdings können je nach Sorte, Boden, Reifegrad und Verarbeitung die Nährstoffgehalte variieren.*
Während früher beispielsweise eine Blaubeere sehr klein war und einen extrem hohen Gehalt an Polyphenolen besaß, sind die heute gezüchteten Blaubeeren groß, aber besitzen aufgrund des geringen Gehalts an Polyphenolen ein weißes Fruchtfleisch. Solche Unterschiede in der Nährstoffdichte können sich auch in anderen Lebensmitteln zeigen.
Aufgrund des niedrigeren Gehalts an Mikronährstoffen kann es folglich dazu kommen, dass Personen beispielsweise weniger Magnesium oder Folsäure aufnehmen als empfohlen; dafür müsste deutlich mehr grünes Blattgemüse wie Spinat oder Mangold gegessen werden, als es der Fall ist. Aus diesem Grund wird diskutiert, inwiefern entsprechende Nahrungsergänzungsmittel den empfohlenen Bedarf bei einer unzureichenden Aufnahme ergänzen können – unter Berücksichtigung der individuellen Situation und unter ärztlicher Rücksprache.
* Side Fact: Nährstoffgehalt vieler Obst- und Gemüsesorten ist über die Jahrzehnte deutlich gesunken. Eine kritische Übersicht zeigt, dass beispielsweise Mineralstoffe in einigen Kulturpflanzen zwischen 25 und 50 % abgenommen haben — als eine Folge von Hochleistungszüchtung, intensiver Landwirtschaft und veränderter Böden.
Quelle: https://www.mdpi.com/2304-8158/13/6/877
„Die meisten Menschen haben heutzutage ein Schlafdefizit […]; Schlaf ist kein Privileg, sondern eine wichtige Grundlage für Erholung und Tagesbefinden.“
Schlaf als Schlüssel für Regeneration und Langlebigkeit
4. Sie beschäftigen sich intensiv mit Schlaf- und Traumphysiologie. Welche Bedeutung hat erholsamer Schlaf im Kontext von Longevity?
Wir leben in einer industriellen Welt, in der Schlaf eher als unerwünscht angesehen wird. Früher hatten die Menschen einen völlig anderen Lebenszyklus. Ein „Jagd-Sammler” hat ungefähr drei Stunden pro Tag gearbeitet und sich danach ausgeruht. Allgemein zeigt sich in der Natur zudem das Phänomen, dass Tiere im Regelfall so viel schlafen, wie es ihrer biologischen Anlage entspricht – es sei denn, äußere Bedingungen wie Futterverfügbarkeit beeinflussen das Verhalten. Auch beim Zelten ohne Handy bzw. ohne elektrisches Licht ist es so, dass man tendenziell eher einschläft bzw. länger schläft als im sonstigen Alltag.
Die meisten Menschen haben heutzutage ein Schlafdefizit, was sich auf verschiedene Körperfunktionen auswirken kann.* Es wird daher aktuell auch wissenschaftlich untersucht, inwiefern Schlafdauer und Ernährung miteinander in Beziehung stehen. Studien zeigen zudem Zusammenhänge zwischen Schlafdefizit, Energieaufnahme und Gewichtsentwicklung. Schlaf ist daher kein Privileg, sondern eine wichtige Grundlage für Erholung und Tagesbefinden.
Daher nimmt der Schlaf bei Longevity auch so eine wichtige Rolle ein und ist weit mehr als nur Luxus. Zusätzlich setzt an dieser Stelle die Traumphysiologie an, die sich damit beschäftigt, was wir im Schlaf erleben und eben nicht verpassen – was viele Menschen befürchten. Dadurch wird das Potenzial eröffnet, den Schlaf als wertvolle Ressource zu sehen und zu lernen, uns genau zu erinnern, was wir geträumt bzw. erlebt haben.
* Side Fact: Studien zeigen, dass Erwachsene, die regelmäßig 7–8 Stunden schlafen, eine bessere kognitive Leistungsfähigkeit und Stoffwechselregulation aufweisen als Personen mit dauerhaft verkürztem Schlaf.
Quelle: https://www.sleephealthjournal.org/article/S2352-7218(15)00015-7/fulltext
„Besonders wertvoll sind zudem regelmäßige Verhaltensweisen wie gesundes Essen, Sport und Schlaf sowie Therapieansätze wie Atemtherapie, die – regelmäßig in den Alltag integriert – das Wohlbefinden langfristig verbessern und als Mittel der Wahl bezüglich Longevity gelten.“
Wie Alltag und Prävention zusammenhängen
5. Welche Alltagsfaktoren – von Bewegung bis Stressmanagement – machen Ihrer Erfahrung nach den größten Unterschied, wenn es um langfristige Gesundheit und Wohlbefinden geht?
In unserer Welt glauben wir oft, dass „Mehr” – und zwar auch bezüglich Longevity – besser ist. Das führt dazu, dass Nahrungsergänzungsmittel aufgrund eigener Recherchen ohne ärztliche Rücksprache gekauft und miteinander kombiniert werden, ohne zu wissen, ob die Präparate überhaupt sinnvoll oder vielleicht sogar schädlich sind. Insbesondere letzteres sollte einen größeren Stellenwert einnehmen und der individuelle Fokus sollte vor allem auf der Frage liegen, ob es tatsächlich Nährstoffe gibt, die nicht in ausreichendem Maße wie empfohlen aufgenommen werden.
Besonders wertvoll sind zudem regelmäßige Verhaltensweisen wie gesundes Essen, Sport und Schlaf sowie Therapieansätze wie Atemtherapie, die – regelmäßig in den Alltag integriert – das Wohlbefinden langfristig verbessern und als Mittel der Wahl bezüglich Longevity gelten.
„Alle Nährstoffe, die sich über Lebensmittel zuführen lassen, sollten priorisiert werden. Ist das nicht möglich – Stichwort Vitamin D – kann eine ergänzende Zufuhr unter ärztlicher Rücksprache erwogen werden.“
Der Stellenwert von hochwertigen Supplementen
6. Nahrungsergänzungen sind für viele Menschen Teil eines ganzheitlichen Gesundheitsansatzes. Welche Nährstoffe oder Supplemente können – im Rahmen ihrer wissenschaftlich belegten und zugelassenen Wirkungen – die normalen Körper- und Stoffwechselfunktionen sinnvoll unterstützen?
In Studien wird und wurde untersucht, welche essentiellen Nährstoffe, also solche, die nicht vom Körper selbst gebildet werden, als Ergänzung sinnvoll sein können – unter Berücksichtigung der individuellen Situation und unter ärztlicher Rücksprache. Einige Substanzen lassen sich wiederum über einen gesunden Lebensstil verfügbar machen.
Entsprechend sollten alle Nährstoffe, die sich über Lebensmittel zuführen lassen, priorisiert werden. Ist das nicht möglich – Stichwort Vitamin D – kann eine ergänzende Zufuhr unter ärztlicher Rücksprache erwogen werden. Letzteres ist so wichtig, da zu hohe Dosen an Vitamin D oder auch an Omega-3-Säuren, die deutlich über der Empfehlung liegen, riskant sind.*
* Side Fact: Die EFSA definiert Referenzwerte (DRVs) und „Upper Levels“ für Vitamine & Mineralstoffe. Das hilft, Bedarf und Sicherheitsgrenzen besser einzuordnen.
Quelle: https://www.efsa.europa.eu/en/topics/topic/dietary-reference-values
„Ich halte es für wichtig, zu schauen, was es bereits gibt, anstatt jedem Hype hinterher zu rennen.“
Blick in die Zukunft der Longevity-Forschung
7. Welche Entwicklungen in der funktionellen Medizin oder der Forschung zur Langlebigkeit betrachten Sie aktuell als besonders spannend?
Besonders spannend finde ich die Dinge, die noch nicht bekannt sind. Auch die Bedeutung des amerikanischen Wortes ‚Research’ – etwas Wiederfinden – ist besonders spannend, da es viele Dinge gibt, die nicht neu wissenschaftlich entdeckt wurden, sondern bereits in älterer Literatur zu finden sind.
Ich halte es für wichtig, zu schauen, was es bereits gibt, anstatt jedem Hype hinterher zu rennen. Beispielsweise wurde die Atemtherapie, die ich als Bestandteil moderner Ansätze zur Gesundheitsförderung betrachte, bereits in den 50er- und 60er-Jahren sehr gut erforscht. Darüber hinaus stammen erste wissenschaftlich fundierte Anti-Aging-Diets bereits aus den 70er-Jahren.
Daher finde ich es besonders spannend, ein älteres Konzept neu zu betrachten und mit den heutigen Messmethoden zu überprüfen – etwa, wie sich Parameter wie der individuelle Coenzym-Q10-Status erfassen lassen.
Hinweis: Dieses Interview dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle medizinische Beratung. Aussagen zu Mikronährstoffen beziehen sich ausschließlich auf deren im Rahmen der EU-Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 zugelassenen Wirkungen. Nahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz für eine abwechslungsreiche und ausgewogene Ernährung und können eine medizinische Behandlung nicht ersetzen. Bei gesundheitlichen Fragen wenden Sie sich bitte an medizinisches Fachpersonal.
Über die Autor
Dr. med. Christian Gersch
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