Mikronährstoffe & Prävention: Prof. Dr. Ekkehard Schleußner über Frauengesundheit in den Wechseljahren
Prof. Dr. med. Ekkehard Schleußner
Gesundheit ganzheitlich betrachten
1. Herr Prof. Schleußner, Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit Prävention in der Frauenheilkunde. Wie kann ein präventiver Ansatz in den Wechseljahren dazu beitragen, das allgemeine Wohlbefinden zu erhalten und Frauen in dieser Lebensphase ganzheitlich zu unterstützen?
Prof. Dr. Schleußner: Ein präventiver und ganzheitlicher Ansatz in den Wechseljahren zielt darauf ab, den Körper und die Psyche bereits vor dem Eintreten starker Beschwerden zu wappnen. Studien zeigen, dass Frauen, die einen gesunden Lebensstil pflegen, nicht nur weniger Symptome haben, sondern die Menopause sogar bis zu zwei Jahre später einsetzen kann.
Ein integrierter Ansatz aus 5 Säulen der ganzheitlichen Prävention verbindet verschiedene Lebensbereiche, um die Gesundheit nachhaltig zu optimieren:
- Körperliche Aktivität: Regelmäßiger Sport ist essenziell, um die Knochendichte zu schützen (Osteoporose-Prävention) und die Muskelmasse zu erhalten.
- Gezielte Ernährung: Eine Ernährung reich an Phytoöstrogenen (z. B. in Soja, Leinsamen, Hülsenfrüchten) und Mikronährstoffen kann helfen, den Hormonhaushalt natürlich zu unterstützen. Zudem schützt eine herzgesunde Kost (wenig verarbeitete Lebensmittel, gesunde Fette) vor dem steigenden Risiko für Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
- Mentales Wohlbefinden & Entspannung: Techniken wie Yoga, Meditation oder autogenes Training beugen innerer Unruhe vor und verbessern die Schlafqualität.
- Pflanzliche Unterstützung: Der Einsatz von Phytotherapie kann frühzeitig regulierend wirken, bevor eine medikamentöse Therapie nötig wird.
- Medizinische Vorsorge: Regelmäßige Kontrollen von Blutdruck, Blutfetten und Knochendichte helfen, hormonbedingte Veränderungen frühzeitig zu erkennen und gegenzusteuern.
Side Fact:
Ballaststoffe & Metabolismus: Eine ballaststoffreiche Ernährung (mind. 30 g/Tag laut DGE) korreliert nicht nur mit einem geringeren Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, sondern unterstützt auch die Darmbarriere. Dies ist essenziell, um entzündlichen Prozessen entgegenzuwirken, die in den Wechseljahren zunehmen können.
Quelle: Reynolds, A. et al. (2019). Carbohydrate quality and human health: a series of systematic reviews and meta-analyses. The Lancet, 393(10170), 434–445.
Quelle: Reynolds et al. (2019), The Lancet. Link: https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(18)31809-9/fulltext
Mikronährstoffe im hormonellen Wandel
2. Welche Rolle kann eine ausgewogene Versorgung mit Mikronährstoffen – im Rahmen ihrer zugelassenen Wirkungen – in der Phase hormoneller Veränderungen spielen, etwa im Hinblick auf Energie, Schlaf und Konzentration?
Prof. Dr. Schleußner: In den Wechseljahren verändert sich der Nährstoffbedarf aufgrund hormoneller Umstellungen signifikant. Mikronährstoffe spielen dabei eine wichtige Rolle, um den Körper in dieser Umstellungsphase physiologisch zu unterstützen und zum Erhalt wichtiger Funktionen, wie etwa der Knochenfestigkeit, beizutragen.
Müdigkeit und Antriebslosigkeit sind oft Folgen der hormonellen Umstellungen, die mit B-Vitaminen (insb. B2, B3, B5, B6, B12) und Magnesium, das als Cofaktor in zahlreichen Enzymreaktionen in der Energieproduktion wirkt, verringert werden können. Eisen dagegen ist essenziell für die Blutbildung und unterstützt so den normalen Sauerstofftransport im Körper.
Herausforderungen beim Ein- und Durchschlafen, bedingt durch abnehmende Östrogen- und Progesteronspiegel, können mit Vitamin B6, welches an der Bildung von Neurotransmittern wie Serotonin und des Schlafhormons Melatonin beteiligt ist, günstig beeinflusst werden. Magnesium entspannt die Muskulatur und ist an der Regulierung des Schlaf-Wach-Rhythmus beteiligt.
Bei Konzentrationsschwäche und Stimmungsschwankungen können Antioxidantien wie Vitamin C, Vitamin B6 sowie Zink und Folsäure hilfreich sein.
Wohlbefinden und Mikronährstoffbalance
3. Aus Ihrer Erfahrung: Welche kleinen, aber nachhaltigen Gewohnheiten machen für Frauen in dieser Lebensphase den größten Unterschied – etwa in Bezug auf Ernährung, Bewegung, Schlaf oder mentale Balance?
Prof. Dr. Schleußner: Kleine, konsequente Änderungen machen in einer Phase der hormonellen Umstellung, mit Gewichtszunahme, Schlafmangel und Stimmungsschwankungen oft den größten Unterschied. Der Fokus liegt darauf, den Stoffwechsel zu unterstützen, Muskelmasse zu erhalten und das Nervensystem zu beruhigen.
In Bezug auf die Ernährung z. B. folgende Tipps:
Eiweiß zu jeder Mahlzeit: Die Zufuhr von Proteinen aus Fisch, Hülsenfrüchten, Soja und Eiern sättigt, hält den Blutzucker stabil und unterstützt den Muskelerhalt.
Gemüse/Salat auf der Hälfte des Tellers: Das liefert Ballaststoffe und wichtige Mikronährstoffe, ohne Kalorienüberlastung.
Mikronährstoff: Ein Augenmerk auf Calcium (Knochengesundheit) und Vitamin D legen. Magnesium ist wertvoll gegen Müdigkeit und für die Nerven.
Genügend Wasser trinken: Wasserhaushalt optimieren, da das Durstgefühl mit dem Alter nachlassen kann.
„Kleine, konsequente Änderungen machen in einer Phase der hormonellen Umstellung, mit Gewichtszunahme, Schlafmangel und Stimmungsschwankungen oft den größten Unterschied. Der Fokus liegt darauf, den Stoffwechsel zu unterstützen, Muskelmasse zu erhalten und das Nervensystem zu beruhigen.“
Immunsystem und hormonelle Balance
4. In der Forschung wird zunehmend untersucht, wie Veränderungen im Immunsystem oder Mikrobiom mit dem hormonellen Wandel zusammenhängen. Welche Erkenntnisse gibt es dazu – und welche Bedeutung können Mikronährstoffe oder sekundäre Pflanzenstoffe im Rahmen ihrer zugelassenen Wirkungen für die normale Funktion dieser Systeme haben?
Prof. Dr. Schleußner: Der Abfall von Östrogen und Progesteron in den Wechseljahren hat weitreichende Auswirkungen auf das Mikrobiom (insbesondere im Darm) und das Immunsystem. Da Östrogen das Wachstum entzündungshemmender Bakterien fördert und das Immunsystem moduliert, kann ein Rückgang zu einer verringerten bakteriellen Vielfalt (Dysbiose), Entzündungen und einer erhöhten Infektanfälligkeit führen.
Eine nährstoffreiche Ernährung, die das Mikrobiom unterstützt (ballaststoffreich) und essenzielle Mikronährstoffe liefert, kann das Immunsystem während des hormonellen Wandels stabilisieren. Wiederum sind es vor allem die Vitamine D und B6, B12 und Folsäure sowie Zink und Selen, die die Immunabwehr stützen.
Side Fact:
Das Östrobolom: Die Forschung zeigt, dass eine spezifische Gruppe von Bakterien im Darm (das Östrobolom) den Östrogenspiegel im Körper mitreguliert. Eine darmgesunde, ballaststoffreiche Ernährung beeinflusst somit direkt das hormonelle Gleichgewicht und die Regulierung der Immunantwort während der Wechseljahre.
Quelle: Baker, J. M. et al. (2017). Estrogen–gut microbiome axis: Physiological and clinical implications. Maturitas, 103, 45–53. Link: https://www.maturitas.org/article/S0378-5122(17)30650-3/fulltext
Qualität und Evidenz bei Supplementen
5. In den Wechseljahren setzen viele Frauen auf Nahrungsergänzungen als Teil eines ganzheitlichen Gesundheitsansatzes. Worauf sollte man Ihrer Ansicht nach besonders achten – etwa in Bezug auf Qualität, Zusammensetzung und wissenschaftliche Evidenz – damit Supplemente im Rahmen ihrer zugelassenen Wirkungen sinnvoll eingesetzt werden können?
Prof. Dr. Schleußner: Auch natürliche Nahrungsergänzungsmittel können Nebenwirkungen haben. Damit der Einsatz von Supplementen sinnvoll und sicher ist, sollte auf folgende Aspekte geachtet werden:
Wissenschaftliche Evidenz und Wirksamkeit: Viele Produkte versprechen Hilfe, für die es kaum wissenschaftliche Belege gibt. Es sollten Präparate genutzt werden, die in klinischen Studien (randomisiert, doppelblind, placebokontrolliert) untersucht wurden. Bei spezifischen Symptomen sollte ein gezielter Einsatz erfolgen.
Zusammensetzung und Qualität: Es sollten Präparate von Herstellern, die Reinheit, Inhaltsstoffe und Dosierung durch unabhängige Labore prüfen lassen, eingesetzt werden. Die Tagesdosis sollte den Bedarf sinnvoll decken, ohne die sichere Obergrenze zu überschreiten (Viel hilft nicht viel!). Einige pflanzliche Mittel (wie Traubensilberkerze) sollten nicht unbegrenzt eingenommen werden.
Die Einnahme von Supplementen sollte immer mit dem Arzt besprochen werden, da auch pflanzliche Mittel (z. B. Johanniskraut) Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten verursachen können.
„Damit der Einsatz von Supplementen sinnvoll und sicher ist, sollte auf folgende Aspekte geachtet werden: Wissenschaftliche Evidenz und Wirksamkeit [...]. Die Tagesdosis sollte den Bedarf sinnvoll decken, ohne die sichere Obergrenze zu überschreiten.“
Mikronährstoffe im Alltag – worauf kommt es an?
6. Viele Frauen möchten in den Wechseljahren bewusster mit ihrer Gesundheit umgehen. Welche Empfehlungen geben Forschung und Praxis, wenn es um eine ausgewogene Ernährung und die Auswahl hochwertiger Mikronährstoffpräparate geht?
Prof. Dr. Schleußner: Forschung und Praxis sind sich einig, dass eine ausgewogene Ernährung die Basis für eine gute Nährstoffversorgung bildet. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) und internationale Gremien empfehlen eine abwechslungsreiche, überwiegend pflanzliche Ernährung, um den Mikronährstoffbedarf zu decken.
Täglich sollten mindestens 3 Portionen Gemüse und 2 Portionen Obst (vorzugsweise saisonal und bunt) verzehrt werden und ballaststoffreiche Lebensmittel wie Vollkornbrot, Reis, Nudeln und Kartoffeln die Basis bilden. Pflanzliche Öle (Olivenöl, Rapsöl) liefern ungesättigte Fettsäuren und Vitamin E.
Der Proteinbedarf kann bevorzugt mit Hülsenfrüchten (Linsen, Bohnen), Nüssen, Milchprodukten, Eiern und Fisch gedeckt werden. Um den Jodbedarf auszugleichen, sollte jodiertes Speisesalz mit Fluorid verwendet werden.
„Forschung und Praxis sind sich einig, dass eine ausgewogene Ernährung die Basis für eine gute Nährstoffversorgung bildet. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) und internationale Gremien empfehlen eine abwechslungsreiche, überwiegend pflanzliche Ernährung, um den Mikronährstoffbedarf zu decken.“
Forschungsperspektiven zur Frauengesundheit
7. Welche wissenschaftlichen Entwicklungen oder Erkenntnisse aus der Präventionsmedizin halten Sie aktuell für besonders spannend, wenn es um das gesunde Altern von Frauen geht?
Prof. Dr. Schleußner: Besonders spannend in der Präventionsmedizin für das gesunde Altern von Frauen sind Ansätze der Gerontoprotektion, die das Ziel verfolgen, Alterungsprozesse günstig zu beeinflussen. Im Fokus steht, altersbedingte Abbauprozesse (Muskel-/Knochendichte) frühzeitig zu adressieren. Auch wird derzeit wissenschaftlich diskutiert, ob Medikamente mit anderer Indikation wie z. B. Antidiabetika oder die „Abnehmspritze“ (GLP-1-Rezeptor-Inhibitoren) einen Einfluss auf Alterungsmarker haben könnten.
Besonders wichtig bleiben aber natürlich Lebensstiländerungen und Förderung der persönlichen Resilienz, wobei sich aktuell der Fokus auf ein optimiertes Stressmanagement und präventive Gesundheitsförderung verschiebt.
Besser als jede Therapie ist jedoch die Früherkennung, um mittels Sekundärprävention Krankheitsrisiken frühzeitig zu erkennen und eine Manifestation von Krankheiten zu verhindern.
Side Fact:
GLP-1 & Lifestyle: Während GLP-1-Rezeptor-Agonisten (Abnehmspritze) in der Forschung für ihre metabolischen Effekte beachtet werden, betonen Mediziner, dass sie keine Basistherapie ersetzen. Ohne begleitendes Krafttraining und adäquate Nährstoffzufuhr droht bei diesen Medikamenten ein überproportionaler Verlust an Muskelmasse (Sarkopenie), was dem gesunden Altern entgegenwirkt.
Quelle: Wilding, J. P. H. et al. (2021). Once-Weekly Semaglutide in Adults with Overweight or Obesity. New England Journal of Medicine, 384(11), 989–1002. Link: https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa2032183
Was Frauen selbst tun können
8. Viele Frauen möchten in den Wechseljahren aktiv etwas für ihre Gesundheit tun. Welche Rolle spielen dabei Ernährung, Bewegung und gezielte Mikronährstoffversorgung im Zusammenspiel?
Prof. Dr. Schleußner: Das Zusammenspiel ist der Schlüssel zum Erfolg:
Ernährung + Mikronährstoffe: Eine nährstoffreiche Ernährung (z. B. viel Gemüse, Nüsse) liefert die Basis, während gezielte Nahrungsergänzung (z. B. Vitamin D) Lücken schließt.
Ernährung + Bewegung: Krafttraining (Bewegung) baut Muskeln auf, die wiederum Proteine (Ernährung) benötigen, um den Stoffwechsel aktiv zu halten.
Ernährung + Bewegung + Mikronährstoffe: Gemeinsam beeinflussen sie Entzündungsprozesse im Körper, verbessern das Wohlbefinden und mindern das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes.
Ein ganzheitlicher Ansatz – gesunde Ernährung, regelmäßige Bewegung (Kraft & Ausdauer) und gezielte Zufuhr von Nährstoffen – ermöglicht es Frauen, die Wechseljahre aktiv zu gestalten, Beschwerden zu lindern und langfristig gesund zu bleiben.
Ihre Botschaft an Frauen in dieser Lebensphase
9. Wenn Sie Frauen, die in diese neue Lebensphase eintreten, eine zentrale Botschaft mit auf den Weg geben könnten – welche wäre das?
Prof. Dr. Schleußner: Hören Sie auf Ihren Körper, nehmen Sie diese Veränderung als Beginn einer neuen, selbstbestimmten Lebensphase an und suchen Sie sich Unterstützung, ohne sich für Beschwerden zu schämen. Zögern Sie nicht, die modernen Möglichkeiten von Behandlungen zur Symptomlinderung anzuwenden.
Hinweis: Dieses Interview dient ausschließlich der allgemeinen Information. Die dargestellten Einschätzungen und Aussagen geben die persönliche wissenschaftliche Meinung sowie die klinische Erfahrung der interviewten Expertin bzw. des interviewten Experten wieder und basieren unter anderem auf deren eigener Forschung.
Die geteilten Informationen spiegeln die persönliche berufliche Erfahrung des Experten wider und stellen keine offiziellen Aussagen oder Behauptungen von VitaminExpress dar.
Die Inhalte stellen keine im Sinne der EU-Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 zugelassenen Health Claims dar und sind nicht als Aussagen zur Prävention, Behandlung oder Heilung von Krankheiten zu verstehen. Das Interview ersetzt keine individuelle medizinische Beratung. Bei gesundheitlichen Fragen wenden Sie sich bitte an medizinisches Fachpersonal.
Über die Autor
Prof. Dr. med. Ekkehard Schleußner
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