Was unser Gehirn nährt: Dr. Bernd L. Fiebich über Ernährung, Mikronährstoffe und mentale Leistungsfähigkeit
Dr. Bernd L. Fiebich
Wie Ernährung Konzentration und geistige Leistungsfähigkeit beeinflussen kann
1. Herr Dr. Fiebich, Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit den Zusammenhängen zwischen Ernährung, Mikronährstoffen und Gehirnfunktion. Wie würden Sie beschreiben, welchen Einfluss eine ausgewogene Ernährung auf Konzentration, mentale Leistungsfähigkeit und allgemeines Wohlbefinden haben kann?
Dr. B. L. Fiebich: Eine ausgewogene Ernährung stellt die grundlegende Voraussetzung für die optimale Funktion des Gehirns dar. Da das zentrale Nervensystem (ZNS) einen hohen Energie- und Nährstoffbedarf besitzt, beeinflusst die Qualität der aufgenommenen Makronährstoffe (Kohlenhydrate, Fette, Proteine) und Mikronährstoffe (Vitamine, Mineralstoffe, sekundäre Pflanzenstoffe) direkt die Konzentrationsfähigkeit, mentale Leistungsfähigkeit und das emotionale Wohlbefinden.
„Da das zentrale Nervensystem einen hohen Energie- und Nährstoffbedarf besitzt, beeinflusst die Qualität der aufgenommenen Makro- und Mikronährstoffe direkt die Konzentrationsfähigkeit, mentale Leistungsfähigkeit und das emotionale Wohlbefinden.“
Welche Mikronährstoffe für das Gehirn wichtig sind
2. Welche Mikronährstoffe sind nach aktuellem Forschungsstand besonders relevant für die Unterstützung normaler kognitiver Funktionen – etwa im Zusammenhang mit Energieversorgung oder Signalübertragung im Nervensystem? Und wie wichtig ist es dabei, auf eine ausreichende Qualität und Bioverfügbarkeit dieser Nährstoffe zu achten?
Dr. B. L. Fiebich: Das Gehirn ist auf eine stetige Versorgung mit spezifischen Mikronährstoffen angewiesen, die Energieproduktion, Neurotransmittersynthese und neuronale Stabilität ermöglichen. Eine zentrale Rolle spielen die B-Vitamine (v. a. B1, B6, B9, B12): Sie unterstützen den zellulären Energiestoffwechsel1 und sind notwendig für die Bildung wichtiger Neurotransmitter wie Dopamin, Serotonin, GABA und Acetylcholin2. Ein Mangel führt oft zu Müdigkeit, Konzentrationsproblemen und kognitiven Einbußen.
Ebenso wichtig sind Omega-3-Fettsäuren, besonders DHA3, die strukturelle Bestandteile der Nervenzellmembranen sind und synaptische Signalübertragung sowie Lern- und Gedächtnisprozesse fördern. Eisen4 wird sowohl für den Sauerstofftransport als auch für die Dopaminsynthese benötigt; ein Mangel verursacht häufig mentale Ermüdung und reduzierte Aufmerksamkeit. Magnesium5 reguliert wiederum die neuronale Erregbarkeit und unterstützt beruhigende Neurotransmittersysteme wie GABA.
Darüber hinaus tragen Zink (Synapsenbildung, Neuroplastizität), Jod und Selen (Schilddrüsenhormone, antioxidativer Schutz) sowie Vitamin D (neuroprotektive und stimmungsregulierende Effekte) wesentlich zur Gehirnfunktion bei6. Antioxidantien wie Vitamin C und Vitamin E schützen Nervenzellen vor oxidativem Stress; Vitamin C ist zudem ein Cofaktor für die Synthese von Stress- und Wachheitsmediatoren wie Noradrenalin.7
1. z.B. trägt Vitamin B6 zu einem normalen Energiestoffwechsel bei
2. z.B. trägt Vitamin B1 zu einer normalen Funktion des Nervensystems bei
3. DHA trägt zur Erhaltung einer normalen Gehirnfunktion bei
4. Eisen trägt zu einem normalen Sauerstofftransport im Körper, zu einem normalen Energiestoffwechsel, zur Verringerung von Müdigkeit und Ermüdung und zu einer normalen kognitiven Funktion bei
5. Magnesium trägt zu einer normalen Funktion des Nervensystems und zur normalen psychischen Funktion bei
6. Während Zink u.a. zu einer normalen kognitiven Funktion und Jod zu einer normalen Produktion von Schilddrüsenhormonen und zu einer normalen Schilddrüsenfunktion beträgt, trägt Selen dazu bei, die Zellen vor oxidativem Stress zu schützen.
7. Vitamin C trägt zu einer normalen Funktion des Nervensystems und zur normalen psychischen Funktion bei
Insgesamt tragen diese Mikronährstoffe dazu bei, kognitive Leistungsfähigkeit, Konzentration, neuronale Kommunikationsprozesse und emotionales Wohlbefinden aufrechtzuerhalten. Entscheidend dabei ist die Qualität und Bioverfügbarkeit dieser Mikronährstoffe, da nur gut resorbierbare und in ausreichender Menge aktive Formen vom Körper effektiv aufgenommen, in Stoffwechselwege eingeschleust und letztlich für kognitive Funktionen und neuronale Regeneration genutzt werden können.
Side Fact: Das Gehirn ist ein „Energie-Hochverbraucher“
Obwohl das Gehirn nur einen kleinen Teil der Körpermasse ausmacht, benötigt es im Ruhezustand einen sehr großen Anteil der Energie. Deshalb können stabile Energieverfügbarkeit und eine ausreichende Nährstoffversorgung entscheidend dafür sein, dass kognitive Prozesse (z. B. Aufmerksamkeit, Denkgeschwindigkeit) zuverlässig ablaufen.
Quelle: Mergenthaler, P., Lindauer, U., Dienel, G. A., & Meisel, A. (2013). Sugar for the brain: the role of glucose in physiological and pathological brain function. Trends in Neurosciences. (Volltext/Elsevier)
Link: https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0166223613001306
Wie Zellen auf Stress und Entzündungsreize reagieren
3. Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit zellulären Prozessen im Nervensystem. Welche Bedeutung haben entzündungsregulierende Mechanismen für das allgemeine Wohlbefinden und die mentale Leistungsfähigkeit – und inwiefern können Mikronährstoffe oder pflanzliche Wirkstoffe hier im Rahmen ihrer zugelassenen Wirkungen unterstützend wirken?
Dr. B. L. Fiebich: Entzündungsregulierende Mechanismen sind wichtig, weil selbst leichte chronische Entzündungen die Konzentration, Energie und Stimmung beeinträchtigen können. Es ist auch bekannt, dass eine chronische Entzündung im Gehirn das Risiko einer Demenz erhöht. Mikronährstoffe und bestimmte pflanzliche Wirkstoffe können – im Rahmen ihrer zugelassenen Wirkungen – das Immunsystem unterstützen und oxidativen Stress reduzieren und damit zu einem stabileren Wohlbefinden und einer besseren mentalen Leistungsfähigkeit beitragen.
Side Fact: Neuroinflammation als früher Treiber bei Alzheimer
Fachreviews beschreiben, dass Entzündungsprozesse im Gehirn (Neuroinflammation) bereits in sehr frühen Stadien der Alzheimer-Krankheit eine zentrale Rolle spielen. Die Aktivierung des Immunsystems im Gehirn gilt heute nicht mehr nur als späte Reaktion auf Nervenschäden, sondern als maßgeblicher Faktor, der die Krankheitsentwicklung aktiv vorantreibt.
Quelle: Heneka, M. T., Carson, M. J., El Khoury, J., et al. (2015). Neuroinflammation in Alzheimer’s disease. The Lancet Neurology, 14(4), 388–405.
Link: https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S1474442215700165
Was die Forschung über pflanzliche Naturstoffe zeigt
4. Sie erforschen die Wirkung pflanzlicher Naturstoffe auf Zellebene. Welche Pflanzenextrakte stehen aktuell im Fokus der Forschung, wenn es um Konzentration, mentale Leistungsfähigkeit und Zellschutz geht?
Dr. B. L. Fiebich: In der aktuellen Forschung werden verschiedene pflanzliche Sekundärstoffe untersucht, darunter auch polyphenolreiche Pflanzenextrakte und weitere Inhaltsstoffgruppen. Dabei stehen vor allem grundlegende biochemische und neuroimmunologische Prozesse im Fokus, die in experimentellen Modellen analysiert werden. Die Forschung auf diesem Gebiet ist sehr dynamisch und umfasst unterschiedliche Stoffklassen, deren Bedeutung derzeit noch überwiegend im Rahmen von Grundlagen- und frühen klinischen Studien bewertet wird.
Mikronährstoffe als Unterstützung im stressigen Alltag
5. Viele Menschen erleben im Alltag anhaltenden Stress oder Erschöpfung. Welche Rolle spielt eine ausreichende Mikronährstoffversorgung für Energie, Konzentration und das allgemeine Wohlbefinden – und wie kann eine gezielte, hochwertige Supplementierung Teil eines ganzheitlichen Ansatzes sein, um die Belastung besser zu bewältigen?
Dr. B. L. Fiebich: Eine ausreichende Mikronährstoffversorgung ist zentral für Energie, Konzentration und allgemeines Wohlbefinden, weil das Gehirn und der Stoffwechsel nur dann optimal funktionieren, wenn alle notwendigen Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente in ausreichender Menge verfügbar sind. Sie unterstützen die Energiegewinnung in den Zellen, die Bildung von Neurotransmittern und den Schutz vor oxidativem Stress – Prozesse, die unter hoher mentaler oder körperlicher Belastung besonders gefordert sind.
Eine gezielte, hochwertige Supplementierung kann Teil eines ganzheitlichen Ansatzes sein, wenn sie individuelle Bedürfnisse berücksichtigt, Lücken schließt und den Körper in Phasen erhöhter Beanspruchung stabilisiert. Sie ersetzt keine gesunde Lebensweise, kann aber Ernährung, Schlaf, Stressmanagement und Bewegung sinnvoll ergänzen, um die Belastungsfähigkeit und das mentale Gleichgewicht nachhaltig zu unterstützen.
„Das Gehirn und der Stoffwechsel können nur dann optimal funktionieren, wenn alle notwendigen Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente in ausreichender Menge verfügbar sind – besonders unter hoher mentaler oder körperlicher Belastung.“
Nährstoffe und Pflanzenstoffe im gesunden Altern
6. Mit zunehmendem Alter verändern sich auch kognitive Prozesse. Welche Rolle können Mikronährstoffe und sekundäre Pflanzenstoffe – im Rahmen ihrer zugelassenen Wirkungen – bei der Erhaltung normaler geistiger Leistungsfähigkeit spielen? Und warum ist es gerade hier wichtig, auf eine individuell abgestimmte und qualitativ hochwertige Versorgung zu achten?
Dr. B. L. Fiebich: Mikronährstoffe und sekundäre Pflanzenstoffe spielen – im Rahmen ihrer zugelassenen Wirkungen – eine wichtige Rolle für die Erhaltung der normalen geistigen Leistungsfähigkeit, weil sie grundlegende Prozesse wie Energieproduktion, Neurotransmittersynthese, antioxidativen Schutz und eine normale Funktion des Nervensystems unterstützen.
Gerade das Gehirn reagiert sensibel auf Nährstoffdefizite, sodass bereits leichte Mängel Konzentration, Gedächtnis und mentale Belastbarkeit beeinträchtigen können. Deshalb ist eine individuell abgestimmte und qualitativ hochwertige Versorgung so wichtig: Jeder Mensch hat unterschiedliche Bedürfnisse, Stoffwechselbedingungen und Belastungsprofile und nur ausreichend verfügbare sowie gut bioverfügbare Nährstoffformen können vom Körper effektiv genutzt werden. So lässt sich die Grundlage für langfristige geistige Leistungsfähigkeit, mentale Stabilität und allgemeines Wohlbefinden auch im zunehmenden Alter optimal unterstützen.
„Gerade das Gehirn reagiert sensibel auf Nährstoffdefizite – bereits leichte Mängel können Konzentration, Gedächtnis und mentale Belastbarkeit beeinträchtigen.“
Wohin die Forschung bei pflanzlichen Inhaltsstoffen geht
7. Welche neuen Forschungsergebnisse im Bereich pflanzlicher Wirkstoffe und Neuroimmunologie finden Sie aktuell besonders spannend – etwa im Hinblick auf Konzentration, mentale Leistungsfähigkeit und ganzheitliches Wohlbefinden? Und welche Entwicklungen sehen Sie künftig bei der Verbindung von Mikronährstoffen und hochwertigen pflanzlichen Supplementen?
Dr. B. L. Fiebich: In der aktuellen Forschung wird zunehmend sichtbar, wie eng das Immunsystem, das Nervensystem und pflanzliche Wirk- und Inhaltsstoffe miteinander interagieren. Ebenfalls ein recht neues Forschungsgebiet ist die Interaktion von Gehirn und Mikrobiom im Darm.
Besonders interessant sind dabei Pflanzenstoffe, die insbesondere im Hinblick auf ihre Bedeutung für die neuronale Regeneration und die Balance von Stoffwechselprozessen untersucht werden – zwei Mechanismen, die in der Forschung als relevant für zentrale Regulationsprozesse des Nervensystems diskutiert werden.
Curcumin aus Kurkuma, Safranextrakte und bestimmte Coumarine werden derzeit intensiv erforscht, insbesondere im Hinblick auf ihre Rolle in neuroimmunologischen und entzündungsbezogenen Prozessen. In diesem Zusammenhang werden unter anderem Wechselwirkungen mit Mikroglia-Aktivität, oxidativem Stress sowie spezifischen Rezeptorsystemen untersucht. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit pflanzlichen Naturstoffen entwickelt sich in diesem Bereich dynamisch weiter und ist in vielen Punkten noch Gegenstand grundlegender Forschung.
Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die Forschung verstärkt analysiert, wie pflanzliche Inhaltsstoffe mit Entzündungsprozessen, Stressregulation und neuronaler Plastizität in Zusammenhang stehen. Dieser integrative Ansatz der Neuroimmunologie erweitert dabei vor allem das wissenschaftliche Verständnis zentraler Regulationsmechanismen.
Side Fact: Neurotransmitter benötigen Mikronährstoff-Cofaktoren
Die Bildung zentraler Neurotransmitter wie Dopamin, Serotonin oder GABA ist auf spezifische Mikronährstoffe als Cofaktoren angewiesen – darunter B-Vitamine, Eisen, Magnesium und Vitamin C. Eine unzureichende Versorgung kann die Synthese dieser Botenstoffe beeinträchtigen und sich auf Stimmung, Konzentration und mentale Belastbarkeit auswirken.
Quelle: Tardy, A. L., Pouteau, E., et al. (2020). Vitamins and Minerals for Energy, Fatigue and Cognition: A Narrative Review of the Biochemical and Clinical Evidence. Nutrients, 12(1), 228.
Link: https://www.mdpi.com/2072-6643/12/1/228
Hinweis: Dieses Interview dient ausschließlich der allgemeinen Information. Die dargestellten Eins chätzungen und Aussagen geben die persönliche wissenschaftliche Meinung sowie die klinische Erfahrung der interviewten Expertin bzw. des interviewten Experten wieder und basieren unter anderem auf deren eigener Forschung.
Die Inhalte stellen keine im Sinne der EU-Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 zugelassenen Health Claims dar und sind nicht als Aussagen zur Prävention, Behandlung oder Heilung von Krankheiten zu verstehen.
Das Interview ersetzt keine individuelle medizinische Beratung. Bei gesundheitlichen Fragen wenden Sie sich bitte an medizinisches Fachpersonal.
Über die Autor
Dr. Bernd L. Fiebich
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