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Interviews

Was unser biologisches Profil über Ernährung, Energie & Wohlbefinden verraten kann

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Dr. med. Stefan Wöhrer

28. Mai 2026
8 Minuten
Jeder Mensch ist biologisch einzigartig. Doch in der klassischen Gesundheitsberatung dominieren oft noch pauschale Empfehlungen. Warum führt die gleiche Ernährung bei der einen Person zu Vitalität, während sie bei einer anderen das Energielevel senkt? Die Antwort liegt in unserem biologischen Profil.
In diesem Interview spricht Dr. Stefan Wöhrer, Experte für Genetik und personalisierte Medizin, darüber, wie genetische Daten uns als Orientierungshilfe dienen können. Er erklärt, warum es keine „Einheitsempfehlung“ für Makronährstoffe gibt, welche Rolle die 7 Säulen der Longevity spielen und wie wir durch ein besseres Verständnis unserer körpereigenen Regulationsprozesse die Chance auf mehr gesunde Lebensjahre erhöhen können. Erfahren Sie, wie Sie den Fokus von der bloßen Lebensspanne hin zu einer maximierten „Vitalitätsspanne“ verschieben.

Genetik & Longevity: Welche Rolle spielt unser persönliches „biologisches Profil“?

1. In Ihrer Arbeit bei Permedio analysieren Sie genetische und metabolische Informationen. Welche Erkenntnisse helfen Menschen am besten zu verstehen, welche individuellen Faktoren Einfluss darauf haben können, wie ihr Körper auf Ernährung, Bewegung oder Belastungen bzw. Alltagsreize reagiert – im Sinne eines langfristigen Wohlbefindens?

Dr. Stefan Wöhrer: Wissenschaftliche Arbeiten haben in den letzten Jahren das bestätigt, was uns der gesunde Menschenverstand schon immer vermuten ließ: auf Grund unserer genetischen Unterschiede sprechen wir auf diverse Umweltreize (Ernährung, Bewegung, Medikamente, Giftstoffe, etc.) unterschiedlich an. Was für den einen Menschen gut ist, kann für den anderen lebensbedrohliche Reaktionen auslösen (z.B. bei einer Nussallergie). Wenn wir unsere Genetik kennen, können wir darauf reagieren und Dinge tun, die unserer Gesundheit zuträglich sind und Dinge lassen, die uns schaden. Wir können uns unsere Gene nicht aussuchen, aber wir sollten sie kennen, um unser Leben optimal gestalten zu können.

„Auf Grund unserer genetischen Unterschiede sprechen wir auf diverse Umweltreize (Ernährung, Bewegung, Medikamente, Giftstoffe, etc.) unterschiedlich an. [...] Wir können uns unsere Gene nicht aussuchen, aber wir sollten sie kennen, um unser Leben optimal gestalten zu können.“

Personalisierte Medizin im Alltag: Wie können Daten helfen, die eigene Vitalität im Alltag zu unterstützen?

2. Sie sprechen oft davon, dass „Daten Orientierung geben“. Welche Art von genetischen oder lebensstilbezogenen Informationen können Menschen dabei helfen, Entscheidungen zu treffen, die ihre normalen Körperfunktionen und Energieprozesse langfristig unterstützen?

Dr. Stefan Wöhrer: Genetische Daten können unter anderem sagen, wie man auf Makronährstoffe (Kohlenhydrate, Fette, Eiweiß) reagiert. In Wirklichkeit gibt es keine Einheitsempfehlung. Makronährstoffe werden von Mensch zu Mensch unterschiedlich verstoffwechselt. Manche Menschen vertragen Kohlenhydrate gut und können davon auch mehr essen. Andere müssen die Kohlenhydrate deutlich reduzieren, um die Entstehung von Übergewicht oder Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes frühzeitig zu adressieren. Ähnliches gilt übrigens auch für Eiweiß. Manche Menschen nehmen durch erhöhten Eiweißkonsum an Fettgewebe zu. Das ist besonders relevant für Menschen, die mittels einer Mahlzeitenersatztherapie (welche üblicherweise eine hohen Eiweißgehalt hat) abnehmen wollen. Hier gibt es immer wieder Non-Responder, d.h. Menschen, die auf diese Therapie nicht ansprechen oder sogar zunehmen. Durch die Nutrigenomik wird es möglich, das optimale Makronährstoffverhältnis vorherzusagen. Man bekommt auch einen Einblick in den eigenen Stoffwechsel. Tatsächlich gibt es Menschen, die, unabhängig von der Muskelmasse, einen niedrigen oder hohen Grundumsatz (=Ruhestoffwechsel) haben. Die zugeführten Kalorien müssen dementsprechend angepasst werden, um Über- oder Untergewicht zu vermeiden. 

Side Fact: Nutrigenomik – warum Menschen unterschiedlich auf Ernährung reagieren

Die Nutrigenomik untersucht, wie genetische Varianten die Verarbeitung von Nährstoffen beeinflussen. Studien zeigen, dass bestimmte Genvarianten (z. B. im FTO-, APOA2- oder TCF7L2-Gen) mit Unterschieden im Körpergewicht, der Insulinsensitivität oder der Fettverwertung assoziiert sind. Dadurch kann die gleiche Ernährung bei verschiedenen Menschen unterschiedliche metabolische Effekte haben.

Quelle: Corella, D., & Ordovás, J. M. (2014). Aging and cardiovascular diseases: The role of gene–diet interactions. Ageing Research Reviews, 18, 53–73.

Link: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/25159268/ 

Genetik und Ernährungstypen: Was bedeutet personalisierte Ernährung im Longevity-Kontext?

3. Ihr Buch zeigt, dass genetische Unterschiede beeinflussen können, wie unser Körper Nahrung verarbeitet. Welche Einsichten entstehen, wenn man diese Informationen mit Longevity-Strategien verbindet – und wie kann das Menschen dabei unterstützen, ein Ernährungsmuster zu finden, das zu ihrem natürlichen Stoffwechsel passt?

Dr. Stefan Wöhrer: Longevity ist ein komplexer Prozess, der sich aus unterschiedlichen Komponenten zusammensetzt: Ernährung, Bewegung, Regeneration, Soziales Umfeld, Krankheitsneigungen, Herausforderung und das Vermeiden von Schadstoffen sind die sieben essentiellen Bestandteile. Ernährung ist davon ein ganz wichtiger Bestandteil. Wenn sie nicht passt, funktioniert es mit der Longevity auch nicht wirklich. Alle der zuvor genannten Komponenten müssen gut überlegt und strategisch bearbeitet werden, um am Ende des Tages ein gesundes und langes Leben führen zu können. Genetische Tests helfen uns, Einblicke in die unterschiedlichen Teilbereich zu bekommen und unseren Lebensstil entsprechend adaptieren zu können.

„In Wirklichkeit gibt es keine Einheitsempfehlung. Makronährstoffe werden von Mensch zu Mensch unterschiedlich verstoffwechselt. Manche Menschen vertragen Kohlenhydrate gut und können davon auch mehr essen. Andere müssen die Kohlenhydrate deutlich reduzieren [...].“

Energie, Zellgesundheit & Stoffwechsel: Welche Faktoren beeinflussen sie aus genetischer Sicht?

4. Viele Menschen möchten verstehen, warum ihr Energielevel oder ihr Stoffwechsel unterschiedlich reagieren. Welche genetischen oder molekularen Mechanismen halten Sie im Rahmen der personalisierten Prävention für besonders relevant, wenn es darum geht, die normalen Energie- und Stoffwechselprozesse zu unterstützen?

Dr. Stefan Wöhrer: Das kann man pauschal leider nicht sagen. Jeder Mensch hat unterschiedliche Stärken und Schwächen. Eine genetische Testung hilft, eben diese Eigenschaften ausfindig zu machen, um entsprechend darauf reagieren zu können. Was der Gesundheit allerdings am häufigsten im Wege steht, ist die Krankheit. Für mich ist es daher am Anfang wichtig, bestimmte Krankheitsneigungen zu kennen, um gezielt und präventiv gegensteuern zu können. Für die zehn häufigsten Zivilisationserkrankungen gibt es polygenetische Testungen, um das jeweilige Risiko ausfindig zu machen. Ich sehe leider viel zu oft Menschen, die ihre Gesundheit mit fragwürdigen Methoden optimieren wollen und dabei über relativ einfach vermeidbare Krankheiten stolpern, die Ihnen gesunde Lebensjahre raubt.

Side Fact: Polygenetische Risikoscores in der Prävention

Polygenetische Risikoscores (PRS) kombinieren zahlreiche genetische Varianten, um das individuelle Risiko für häufige Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder Brustkrebs abzuschätzen. Studien zeigen, dass Personen mit hohem genetischem Risiko besonders stark von präventiven Maßnahmen profitieren können.

Quelle: Khera, A. V., et al. (2016). Genetic Risk, Adherence to a Healthy Lifestyle, and Coronary Disease. New England Journal of Medicine, 375, 2349–2358.

Link: https://www.nejm.org/doi/10.1056/NEJMoa1605086 

Prävention neu gedacht: Was bedeutet „personalisierte Longevity“ aus medizinischer Sicht?

5. Wie unterscheidet sich ein individualisierter Longevity-Ansatz – basierend auf genetischen und metabolischen Profilen – von klassischen Empfehlungen, und welche Chancen sehen Sie darin, Menschen dabei zu unterstützen, langfristig gesunde Routinen zu entwickeln?

Dr. Stefan Wöhrer: Im Moment wird die Präventionsmedizin oder Vorsorgemedizin auf den Durchschnittsmenschen ausgerichtet. Wir nehmen dabei in Kauf, dass einige Menschen durchs Netz rutschen, weil ihre Erkrankungen früher auftreten als erwartet (z.B. Brustkrebs bei Frauen unter 40) und wir aber andererseits vielen Menschen mit einem niedrigen Risiko unnötige Screeninguntersuchungen aufdrängen oder sie sogar präventiv behandeln (z.B. Statin Therapie bei erhöhten Blutfetten). Ein personalisiertes Vorsorgekonzept, basierend auf dem individuellen genetischen Risiko, vermeidet unnötige Behandlungen und Untersuchungen bzw. intensiviert das Screening bei Hochrisikopatienten.

 Mikronährstoffe & Genetik: Wo ergänzen sich beide Ansätze sinnvoll?

6. Viele Menschen fragen sich, warum bestimmte Nährstoffe bei manchen subjektiv „besser wirken“ als bei anderen. Welche Rolle spielen genetische Unterschiede dabei – und wie kann man Mikronährstoffe so einordnen, dass sie im Rahmen ihrer zugelassenen Wirkungen normale Funktionen wie Energie, Nerven oder Zellschutz unterstützen?

Dr. Stefan Wöhrer: Sowohl der Makro- als auch der Mikronährstoffbedarf ist individuell und von unseren Genen abhängig. Das ist der Grund, warum es keine einheitlichen Empfehlungen für Nahrungsergänzungsmittel geben kann. Grundsätzlich sollten durch eine gesunde und ausgewogene Ernährung keine zusätzlichen Nahrungsergänzungsmittel notwendig sein. Wie die Praxis aber zeigt, ist dies allerdings selten der Fall. Vitamin- und Mineralstoffmängel sind tatsächlich extrem häufig. Zu wissen, für welchen Mikronährstoffmangel man genetisch veranlagt ist, hilft, entsprechende Labortestungen durchzuführen bzw. bei Bedarf zu substituieren. 

Side Fact: Grundumsatz ist teilweise genetisch mitbestimmt

Der Ruheenergieverbrauch (Grundumsatz) variiert zwischen Individuen und wird neben Körperzusammensetzung und Alter auch genetisch beeinflusst. Zwillingsstudien zeigen, dass ein signifikanter Anteil der Unterschiede im Energieverbrauch genetisch erklärbar ist.

Quelle: Bouchard, C., et al. (1989). Genetic effect in resting and exercise metabolic rates. Metabolism, 38(4), 364–370.

⁠Link: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/2657322/ 

Motivation & Verhalten: Warum scheitern viele Gesundheitsvorsätze und wie kann man sich neu orientieren?

7. Aus Sicht der personalisierten Medizin: Welche typischen Muster sehen Sie dabei, wenn Menschen langfristige Verhaltensänderungen anstreben – und welche Strategien zeigen sich als besonders sinnvoll, um gesunde Routinen dauerhaft zu etablieren?

Dr. Stefan Wöhrer: Da gibt es zwei Probleme. Erstens nehmen sich die Menschen oft zu viel auf einmal vor und wollen rasche Verbesserungen sehen. Unser Körper ist ein wirkliches Wunderwerk und versucht immer ein Gleichgewicht zu halten. Bei raschen Veränderungen kommt es automatisch zur Gegenregulation, die die Zielerreichung schwierig macht. Kleine und schrittweise Veränderungen, die aber permanent durchgehalten werden können, sind hier viel effektiver. Ich bin ein großer Fan von der „1% Methode“ von James Clear. Zweitens ist es auf Grund der Informationsflut von unterschiedlichen Seiten schwierig herauszufinden, was wirklich geändert werden sollte. Es ist für einen Laien tatsächlich kaum noch möglich, gute Informationen von Unsinn zu unterscheiden. Ich bin diesbezüglich konservativ und halte mich an die 7 Säulen eines gesunden Lebens (Ernährung, Bewegung, Soziales Umfeld, Regeneration, Herausforderung, Vermeidung von Schadstoffen, und gezielte medizinische Vorsorge).

„Kleine und schrittweise Veränderungen, die aber permanent durchgehalten werden können, sind hier viel effektiver. [...] Ich bin ein großer Fan von der „1% Methode“ von James Clear.“

Ausblick: Welche Entwicklungen werden die Longevity-Medizin in den nächsten Jahren prägen?

8. Die Forschung zu Genetik, metabolischen Profilen und personalisierter Prävention entwickelt sich rasant. Welche Trends oder Technologien betrachten Sie aktuell als besonders relevant für Menschen, die ihre Vitalitätsspanne aktiv unterstützen möchten?

Dr. Stefan Wöhrer: Ich glaube nicht, und halte es auch nicht für erstrebenswert, dass die Lebensspanne des Menschen signifikant verlängert werden kann. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass die gesunde Lebenszeit verlängert werden kann. Wenn man mit 65 in Pension geht, hat man realistischerweise noch gute 20 Jahre, die man mit Vitalität und Gesundheit verbringen kann. Genetische und epigenetische Testungen können uns helfen, Krankheiten zu vermeiden, frühzeitig zu erkennen und zielgerichtet zu behandeln, um so unsere volle Lebensspanne nutzen zu können.

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Dr. med. Stefan Wöhrer

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